Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-962757
Burgundische 
Ilerrschaft. 
135 
I-lause den Weg öffnete, mehr von den Fürsten als vom Volke 
aus. Von der blutigen s. g. Sporenschlacht bei Coortryk im 
Jahre 1302 bis zu der nicht minder blutigen, aber für Frankreich 
siegreichen Schlacht bei Rosebeke 1388 standen die flandrischeix 
Weber oft den französischen Rittern kämpfend gegenüber. Auch 
war die Sinnesweise der Bevölkerung und die innere Lage beider 
Länder sehr verschieden; während in Frankreich der monarchisch 
aristokratische Sinn und die höiisch geschmeidige Sitte immer 
mehr ausgebildet wurden, äusserte sich in den Niederlanden ein 
lebhaftes demokratisches Freiheitsgefühl in derber, oft über- 
müthiger Weise. Von jenem altgermanischen Trotze der frie- 
sischen Bauern, welchem nicht blos der Graf von Holland, son- 
dern selbst die Kirche nachgeben musste, war auch den andern 
Provinzen etwas geblieben, nur dass hier die Städte in den Vor- 
dergrund traten, Welche durch ausgedehnten Handel und durch 
Gewerbthätigkeit einen hohen Grad von Selbstständigkeit und 
Macht auch ihren Landesherren gegenüber gewrannen. Bei dem 
Frieden von 1323 zwischen den Grafen von Flandern und Hol- 
land übernahmen die Städte beider Provinzen die Bürgschaft, und 
in Brabant unterwarf der Graf schon 1312 seine Beschlüsse der 
Zustimmung eines Rathes, in welchem zehn Vertreter der Städte 
neben fünf des Adels sassen. In Flandern kam es zu so fried- 
lichem Austrage nicht, dafür waren aber auch die grade hier dicht 
neben einander gelegenen Städte mit ihrer unruhigen Bevölke- 
rung fast beständig im Aufstande und zum Theil die Beute listi- 
ger Demagogen, bis ihre neuen Herren, die Herzöge von Bur- 
gund, sie durch milde und kluge Behandlung zu gewinnen 
wussten. 
Diese Verschiedenheit des V olkscharakters stand aber der 
Aufnahme französischer Architekturformen nicht entgegen. Die- 
selben Eigenschaften, welche die Niederländer von den Fran- 
zosen unterschieden, hielten sie auch von einer selbstständigen 
architektonischen Produetion zurück. Ihr nüchtern praktischer 
S111" konnte sich für die abstracte Form, der Individualismus 
Ihrer extremen Freiheitsliebe für die Kunst der Unterordnung des 
1111118111611 unter das Allgemeine nicht schöpferisch begeistern. 
Ihre Begabung Wies sie auf andere Bahnen, und machte sie in
        

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