Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-962524
112 
Französische 
Architektur. 
An dem Mangel an Beschäftigung und Gunst lag es also 
nicht, Wenn die französische Architektur in dieser Epoche nicht 
N amhafteres leistete, sondern an anderen tieferliegeilden Ur- 
sachen, hauptsächlich an der Ermattung, welche nach der leiden- 
schaftlichen, fast fieberhaften Erregung der vorigen Epoche nicht 
ausbleiben konnte. Schon bald nach der Mitte des dreizehnten Jahr- 
hunderts wird eine Abnahme der künstlerischen Energie fühlbar; 
die Faoade des südlichen Kreuzschilfes an N otre-Dame von Paris, 
die laut erhaltener Inschrift 1257 begonnen wurde, hat schon die 
magern Profile und die bei allem Aufwande von Mitteln dürftigen 
Formen der spätern Gothiköi). Es mag sein, dass die Wahl des 
Meisters eine weniger glückliche gewesen; aber dass eine solche 
in Paris, dem Mittelpunkte französischer Sitte und Kunst, Wo 
das Meisterwerk derselben, die Sainte Chapelle, kaum erst voll- 
endet war, vorkommen konnte, zeigt doch schon ein abneh- 
mendes Interesse; auch häufen sich bald darauf ähnliche Er- 
scheinungen. 
Man kann nicht glauben, dass ein plötzlicher Mangel an 
architektonischen 'l'alenten eingetreten sei oder dass die Bau- 
herren immer das Unglück gehabt hätten, die minder Begabten 
vorzuziehen. Der Grund lag vielmehr in den entmuthigenden 
Umständen und namentlich in der Nachwirkung jener über- 
spannten Thätigkeit der vorigen Generation, welche ihren Nach- 
folgern neben der Gewöhnung an den Reiz beständiger Neue- 
rungen die Aufgabe hinterlassen hatte, halbvollenrlete Werke in 
bescheidener Treue auszuführen. Sie waren im vollsten Sinne 
des Wortes Epigonen, die theils auf den Lorbeern ihrer Vor- 
gänger ruheten und die bekannten Formen schläfrig wiederholten, 
theils aber (lllfßll die gerechte Bewunderung jener ihrer Vor- 
gänger und durch das Gefühl der Unmöglichkeit mit ihnen 
zu wetteifern, sich im eigenen Thun gelähmt fühlten. Ihre 
Arbeiten schliessen sich daher noch an die der vorigen Epoche 
an, behalten meistens dieselben Motive, dieselben Anordnungen bei 
und erlauben sich nur kleine Correcturen, die ihnen ganz in dem 
i) 
Lassus 
Viollet-le-Duc a. a. O. II, 425. Vergl. die Abbildungen in der von 
und Viollet-le-Duc herausgegebenen Monographie de N. D. de Paris.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.