Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-962488
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Architektur. 
blendenden Schmuck, als auf innere Harmonie ankam. Da 
musste denn oft entweder die Constructioxi zum Zwecke der Or- 
namentation eingerichtet, oder diese ohne Herleitung aus der 
Construction, als blosses Scheinwesen angebracht werden. Um 
jene VVahrheit und Offenheit der vorigen Epoche, Welche so 
günstig gewirkt hatte, war es geschehen; man war auf eine ab- 
schüssige und gefährliche Bahn gerathen. Selbst die grosse 
Uebung und Erfahrung der Gehülfen war ein zweideutiges Ge- 
schenk, weil sie die Architekten verleitete, manche Details, 
welche sie früher vorgezeichnet hatten, ihnen zur eigenen Aus- 
führung nach flüchtigen Andeutungen zu überlassen. Bei der 
grossen Festigkeit des Systems und bei dem Vertrauen, welches 
diese Handwerker jeder an seiner Stelle verdienten, konnte das 
ohne augenblicklichen Nachtheil geschehen; aber die vollständige 
Harmonie der früheren Bauten, bei Welchen derselbe Geist alle 
Theile bestimmt hatte, ging allmälig verloren; jeder einzelne 
Meister folgte den besonderen Regeln seines Handwerks, bis 
man sich zuletzt gewöhnte, die Details wie selbstständige, mit 
dem Ganzen nur in bedingter Beziehung stehende Leistungen zu 
betrachten. Auch die Architekten selbst Waren nicht mehr die- 
selben wie sonst. So lange das System noch nicht festgestellt 
war und sich immer neue Mängel rmd Bedürfnisse zeigten, denen 
mit neuen Erfindungen begegnet werden musste, konnten nur die 
Begabtesten in die Schranken treten und nur durch die höchste 
Anspannung aller ihrer Kräfte sich hervorthun. Jetzt, da die 
Wege gebahnt, die Regeln festgestellt Waren und es sich nur 
um ihre Anwendung handelte, kamen auch mässige Talente zur 
Geltung, deren Werke, wenn auch ganz zweckmässig und gut, 
prachtvoll und solide, doch nicht den Stempel der Originalität 
trugen, wie die ihrer Vorgänger. Ja auch selbst, wo das Ta- 
lent ganz dasselbe war, fehlte die WVärme der Begeisterung, und 
zwar nicht etwa durch eine Schuld dieser späteren Meister, son- 
dern vermöge einer unausbleiblicheln Folge ihrer veränderten 
Stellung. Die Kunstgeschichte zeigt es auf jeder Seite, dass die 
Zeit des Ahnens und Strebens der Kunst günstiger ist, als die 
des Wissens und Besitzens. Das noch unbekannte, nur erstrebte 
Ideal steht vor der Seele wie ein mächtiges Geheimniss, unbe-
        

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