Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-962322
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Architektur. 
thigt, mit Welchem Bewusstsein sie verfahren, Wie sie bestrebt 
sind, die correcte Durchführung des Princips auch überall augen- 
scheinlich darzulegen. 
Vor Allem wurde denn auch der ganze Kirchenbau, Wie 
man ihn überliefert erhalten, auf Grund dieser höheren Einsicht 
einer Revision unterworfen. Die früheren Meister hatten, da das 
Constructive und die Wirkung im Grossen ihre Kraft in An- 
spruch nahm, manche Details und Ornamente aus alter Tradition 
beibehalten und den Gliedern aus Vorsicht und Gewöhnung 
mehr als die nothwendige Stärke gegeben. Dies konnte den 
neueren Meistern nicht entgehen und reizte sie, sich in der wei- 
teren Durchführung des Princips zu versuchen, überall die 
Massen zu vermindern, die höchste Schlankheit und Leichtigkeit 
zu erstreben, dabei aber auch an jedem Theile den Zusammen- 
hang des Senkrechten zu betonen und den des Horizontalen 
möglichst zu brechen, und zu diesem Zwecke die vollen und 
einfachen Glieder in mehrere, sclnvächere, Womöglich das Ganze 
in lauter verticale Einzelheiten aufzulösen. Dies, wie es aus der 
bewussten Consequeuz des Verticalprincips sich ergab, ent- 
sprach auch der allgemeinen Richtung der Zeit, den Erschei- 
nungen,'die sich auf allen Lebensgebieten darboten. Die Einheit 
des Glaubens und Emptindens, Welche in der vorigen Epoche 
die geistige VVelt zu ruhigen, grossen Massen verband, hatte ia 
einer unruhigen Bewegung, einer Vereinzelung der Stände und 
der Individuen Platz gemacht, in der jeder Einzelne von seinem 
Standpunkte aus sich in einseitigem Bestreben bald durch ritter- 
liche Kühnheit, bald durch scholastische Consequenz steigerte, 
und selbstständig Grosses zu leisten meinte, während doch 
Thaten und Gedanken schwächlich ausfielen und statt Wahrer 
Individualität nur monotone Wiederholung zeigten. Die sittliche 
Welt gab daher in der 'l'hat denselben Anblick und beruhete auf 
ganz ähnlichen Motiven, wie diese spätere Gothik. Dazu kam 
denn, dass die Meister bald an diesem vollendeten Verticalismus 
ein solches Gefallen fanden, dass sie ihn über die Gränze stati- 
scher Möglichkeit hinaus verfolgten , daher zu verborgenen 
Stützen und Hülfen genöthigt wurden, und so auch in der Bau- 
kunst zu einem Scheinweseil gelangten, wie es im Leben dieser
        

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