Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-962319
Hohe 
Blüthe 
Anfange 
der 
Epoche. 
91 
musste sich vielmehr der Nothwendigkeit niedriger Stockwerke 
fügen; die Anlage eines Strebesystems war bei der Enge städ- 
tischer Plätze oder befestigter Schlösser selten ausführbar, bei 
der ohnehin nöthigen Mauerdicke und der geringen Last höl- 
zerner Decken immer entbehrlieh. Xvollte man dennoch der 
kirchlichen Pracht sich einigermaassen nähern, oder überhaupt 
die Formen beibehalten, die aus der Eigenthümlichkeit des Ge- 
wölbebaues entstanden waren, so bedurfte es einer neuen erfin- 
denden oder übersetzenden 'l'hätigkeit. 
Dabei kam aber den ohnehin geschickten Meistern ein 
wichtiger Umstand zu Hülfe. Der gothische Styl War nicht aus 
dem Kopfe eines Theoretikers, nicht mit einem Male, sondern 
allmälig, durch einzelne Neuerungen und Verbesserungen, durch 
das Bedürfhiss harmonischer Ausgleichung und organischer 
Verbindung entstanden. Man war zu einer gleichmässigen Be- 
handlung aller Theile, zu einer Regel gelangt, ohne sie in klaren 
YVorten zu formuliren. Jetzt, nachdem das Ziel erreicht war, 
und der Styl als ein vollendeter gelehrt, in andere Gegenden 
übertragen, zur Umwandlung älterer und zur Herstellung Welt- 
licher Gebäude angewendet werden sollte, konnte man nicht 
umhin, sich von seiner Eigenthüntlichkeit genauere Rechenschaft 
zu geben. Man bemerkte leicht, dass er sich von den älteren 
Bauweisen dadurch unterschied, dass die statisch Wichtigen 
Theile senkrecht vom Boden aufstiegen, und dass sowohl die 
technischen und ökonomischen Zwecke als auch der erwünschte 
Schein des Leichten und Kühnen um so vollständiger erreicht 
würden, je genauer diese senkrechte Gliederung durchgeführt 
sei. Man wusste es, wenn man auch das Wort nicht brauchte, 
dass der neue Styl auf dem V erticalsystem beruhe. Und 
damit war allerdings viel gewonnen; denn man hatte nun eine 
Regel, welche vor technischen Missgriilen schützte, die Har- 
monie des Ganzen sicherte, und die Arbeit in hohem Grade er- 
leichterte. Des unsicheren Herumtappens, der kostspieligen, 
zeitraubenden Versuche, gar vieler Sorge und Mühe War man 
überhoben und hatte ein vortreftliches fMittel, den kirchlichen 
Styl auf Aufgaben aller Art zu verwenden. YVir können deut- 
lich erkennen, wie sehr diese neue Einsicht die Meister ermu-
        

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