Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-962288
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WVeltleben. 
Völkern. Wichtig war es dann, dass die allgemeine YVander-lust 
einzelne Reisende, wie den englischen Ritter John von Maunde- 
ville  1378), oder den klugen venetianischen Handelslnanil 
Marco Polo Weit über die Gränzen des Abendlandes hinaus in 
ferne Länder fast mährchenhafireil Klanges verlockte, wo sich 
neben der Sucht nach Abenteuern oder Gewinn doch schon ein 
Trieb der Forschung in ihnen regte. Ihre anziehenden und lehr- 
reichen Erzählungen, welche, wenn auch nicht ohne phantasti- 
sche Einmischung, doch schon schärfere und richtigcre Beobach- 
tungen zeigen, als in der vorigen Epoche, wirkten als eine 
Lieblingslectüre des Jahrhunderts überaus anregend auf ihre 
Zeitgenossen, indem sie den Gesichtskreis erweiterten, den Sinn 
für Völker- und Erdkunde erweckten und dadurch das Auge 
auf die bisher missdeuteten oder übersehenen Wunder der Natur 
leiteten. Jene Unruhe und Beweglichkeit, Welche zunächst nur 
als sinnliche Genusssucht erschien, diente also auch höheren 
Zwecken und vermittelte den Uebergang in die Anschauungs- 
weise eines neuen Zeitalters. 
Esist eine unruhige und Widerspruchsvolle Zeit, Welche 
ich in diesen geschichtlichen Skizzen zu schildern versucht habe. 
Die schärfsten, schwer zu vereinigenden Gegensätze stehen oft 
dicht neben einander, die Naivetät des Gefühls und die zuneh- 
mende Künstlichkeit und Steifheit der Sitte, die bedächtige, 
hohle Breite der scholastischen Gelehrsamkeit und der gewalt- 
sam hervorbrechende Ausdruck des Gefühls, das leichte Genuss- 
leben der VVeltleute und der SClIWÜTHICTiSCIIC Tiefsinn der My- 
stiker. Im Wesentlichen aber lassen alle diese Gegensätze sich 
auf den einen zurückführen, den wir schon in der vorigen 
Epoche wahrgenommen haben, den zwischen einseitiger, ab- 
stracter V'erständigkeit und vorherrschendem Gefühlsleben. Wir 
stehen im Ganzen noch auf demselben geistigen Boden, es ist 
noch dieselbe ideale Ansehauungsweise, Welche, von heiligen 
und profanen Ueberlieferungen ausgehend, ihre daraus entste- 
henden Gedanken und Gefühle in das Leben übertragen will, 
ohne sie der Zucht der Natur und Erfahrung zu unterwerfen.
        

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