Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-962226
S2 
TVeltleben. 
fallend, so öffentlich, so malerisch dagewesen war. Es ist, als 
0b die Unglücksfälle, welche die Welt gerade jetzt so häufig 
und so erschütternd heimsuchten, bei der grossen Menge nur die 
Vergnügungssucht und Lachlust gesteigert habe. Kaum sind 
die zahllosen Todten bestattet, welche die Seuche hingerafft, 
kaum die Trümmern der im_Erdbeben gestürzten Gebäude auf- 
geräumt, kaum die verheerenden Kriegsschaaren, die wilden 
Volkshaufen, welche unter dem Vorwande des Judenhasses 
plündernd umher-schwärmten, die Geisseler mit ihrem jedenfalls 
ernste Gedanken erregenden Aufzuge vorübergegangen, so 
schlagen überall die Wellen der Lust höher empor Wie je. Ge- 
rade unter der unglücklichen Regierung Königs Johann von 
Frankreich, Während er selbst in der Gefangenschaft war, die 
Engländer das Land verwüsteten und der Aufruhr des Laud- 
volkes die Gefahr auf das Aeusserste steigerte, erreichte auch 
der Luxus des französischen Adels seine grösste Höhe. Wäh- 
rend im südlichen Deutschland eine kaum überstandene Hun- 
gersnoth, Ueberschwemmungen, Feuersbrünste, blutige Fehden, 
ungewöhnliche Verbrechen die Gemüther ängstigten und auf- 
regten, so dass sie überall drohende Gespenster sahen und sich 
mit fabelhaften Sehreckgerüchten, z. B. von einem nahen Einfalle 
der Tartaren, herumtrugen, verbanden sich in dem Städtchen 
Ueberlingen am Bodensee sieben reiche Bürgerssöhne zum lu- 
stigeil Leben und tobten nun zum Aerger ihrer Mitbürger so 
lange, bis sie ihr Vermögen fast ganz vergeudet hatten und nun 
den Rest dazu verwandten, mit Pfeifern und Paukenschlag aus- 
zuziehen, um in der Lombardei Kriegsdienste zu suchen i). 
Dass vorübergehende öffentliche Leiden solche Gegenwirkung 
hervorbringen, ist psychologisch zu erklären; beschreibt doch 
schon Thukydides die Ausgelassenheit nach der Pest in Athen 
ganz ähnlich, wie Boccaz sie in Florenz in diesem Jahrhundert 
fand. Aber dass sich dieselbe Erscheinung immer wiederholte, 
dass die Dauer und WViederkehr der Unglücksfälle (len Leicht- 
sinn nicht demüthigte, ist diesem Zeitalter eigenthümlich. 
Den ersten Rang im Luxus und in der Veranstaltung 
ä) Der Chronist Johann von Winterthur (ed. G. v. Wyss, Zürich 1856) 
erzählt diese Anekdote.
        

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