Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-960609
Decorative 
Sculptur. 
781 
überlassen gewesen zu sein. Der normannische Styl liebte 
auch bei solchen Veranlassungen schauerliche, schreckcnde 
Gestalten; hier dagegen erhalten wir nur den Eindruck 
eines heiteren, aber sinnreichen und anregenden Schmuckes. 
Zuweilen sieht man darunter die Gestalten von Bischöfen, 
Heiligen, Engeln, dann aber auch wieder abenteuerlich 
verhiillte Köpfe, lächelnde oder verzerrte Gesichter, und 
manchmal, wie es scheint, Studien des Leidenschaftlichen 
und des Charakteristischen. Die Gabe scharfer Beobach- 
tung des Lebens, dieusich später auf anderen Gebieten der 
englischen Kunst- so glänzend bewährt hat, regt sich schon 
hier. Zugleich aber sind diese Köpfchen meisterhaft gear- 
beitet, mit vollem Verständniss der Form und mit kluger 
Berechnung der Wirkung  die Entfernung des Be- 
schauers, mit feinem Stylgefühl in der Benutzung des 
Raumes. Oft sind sie von idealer Schönheit, fast immer 
anmuthig und anziehend. Einige Male findet man in ver- 
schiedenen Gebäuden WViederholungen einzelner Köpfe und 
der Motive des WVechsels, so dass ein Zusammenhang 
und eine Mittheilung von Zeichnungen oder Modellen statt- 
gefunden haben muss, aber dennoch ist die lllannigfaltig- 
keit der Empfindungen und die Frische der Auffassung so 
gross, dass man über die Fülle von Geist, Talent und 
Gefühl erstaunen muss, die an diese meist übersehenen 
Arbeiten verschwendet ist. Fast keiner Kirche des früh- 
englischen Styles fehlen Sculpturen dieser Art, eine Auf- 
zählung Würde daher zweckwidrig sein, ich nenne nur aus 
der Erinnerung beispielsweise die schönen Kragsteine der 
Kathedralen von Wells und Worcester und die kleineren" 
Köpfchen in den Arcaden des Münsters von Beverley und 
der Kapitelhäuser von Lichiield und Salisbury. Steht daher 
die englische Schule der französischen und deutschen in 
der Ausbildung des kirchlichen und idealen Styles nach,
        

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