Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-959371
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Deutsche 
Wandmalerei. 
Wandmalereien nicht auf momentane Wirkung, sie ver- 
langten sinnende Betrachtung, sie setzten einen Text voraus, 
den der Beschauer mitbringen oder ablesen und unter ihrer 
Führung langsam durchdenken sollte. Die Anordnung un- 
terscheidet sich aber von späteren Compositionen durch ihre 
Einfachheit; sie ist nur schriftgemäss, ruhig forterzählend, 
nicht nach scholastisch-architektonischen Gegensätzen ge- 
gliedert. Eben so wenig bemerkt man den Hang zum 
Phantastischen und Ungeheuerlichen, oder die naturalistische 
Naivetät der Miniaturen. Der Künstler ist durchaus ernst 
und seiner Aufgabe auf geradestem Wege folgend. Die 
Raumvertheilung ist ihm nicht überall geglückt; die ein- 
zelnen Compositionen sind oft ziemlich ungeschickt in die 
freilich unbequemen dreieckigen Felder der Gewölbkappen 
gedrängt. Aber die Zeichnung ist fest, verständig und 
durch ihre Einfachheit grossartig, das Nackte zwar steif 
und mager, aber keinesweges schematisch; die {Gewänder 
sind faltenreich, doch ohne Ueberladung, die Bewegungen 
lebendig und sprechend. Die Verhältnisse sind nicht über- 
mässig lang, die Gesichter haben wohl das mehr zuge- 
spitzte Oval bei breiterem Überkopfe, aber doch nicht die 
charakteristisch hervorstehenden Backcnknochen des byzan- 
tinischen Styles; überhaupt ist ein eigentlich byzantinischer 
Einfluss nicht bemerkbar 95). Wohl aber zeigen die knappe, 
lakonische Weise des Ausdrucks, die oft reliefartige An- 
ordnung, die Gewandmotive, noch Ueberreste antiker 'l'ra- 
dition. Die Gestalt des Simson ist fast die eines antiken 
Heros und die Gruppe des von den Bossen geschleiften 
Märtyrers Hippolyt könnte, mit Ausnahme der steifen Ge- 
4'] Reichensperger glaubt an der aufgehobenen Hand des Erlösers 
den griechischen Ritus des Segnens zu erkennen; mir scheint auch 
hier die gewöhnliche lateinische Form beabsichtigt und nur durch eine 
llngeschickte Verkürzung undeutlich geworden zu sein.
        

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