Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-959189
Böhmische 
Schule. 
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Sehr merkwürdig ist endlich eine Bilderbibel in der fürst- 
lich Lobkowitüschen Bibliothek zu Prag, in welcher sich 
ein Laie VVelleslaus als Stifter oder Maler nennt, und in 
der bei einer phantastischen Auffassung der heiligen Gegen- 
stände auch jene leichte und phantastische Zeichnungs- 
manier durchgeführt ist. Das Werk besteht nur aus Bil- 
dern mit Inschriften, ohne weiteren 'l'ext, im Ganzen in der 
Ordnung der Bibel, doch so, dass nach dem Buche der 
Könige eine unbiblische Geschichte des Antichrists, eine 
Art Merlinssage, eingeschaltet ist. Satan äfft darin das 
göttliche Erlösungswerk nach, ein Engel der Verkündigung, 
aber mit Krallenfüssen, erscheint nicht einer reinen Jung- 
frau, sondern einem schon in sündlicher Umarmung be- 
grilfenen Liebespaare; in Babylon wird dann der Antichrist 
geboren, Teufel leisten die Geburtshülfe, er unterwirft sich, 
aber schon erwachsen, der Beschneidung, lässt sich als 
Gott anbeten u. s. f. Dann werden wir sogleich in die 
Mitte der evangelischen Geschichte eingeführt, welche mit 
apokalyptischen Scenen schliesst, und an die sich die Ge- 
schichte der Einführung des Christenthums in Böhmen und 
das Martyrium des h. Wenzeslaus anschliesst. Der Codex 
iSt also in Böhmen entstanden und zeigt, da man in der 
grossen Zahl von mehr als 700 Bildern verschiedene Hände 
erkennt, dass sich hier eine jener benachbarten bayerischen 
Verwandte Schule gebildet hatte. Es sind leichte, aber 
flüssige Federzeichnungen, die durch stärkere und schwächere 
Linien den Unterschied des äusseren Umrisscs und der 
inneren Gliederung andeuten, mit höchst lebendiger drama- 
tischer Bewegung, im Naturalistischen schon weitergehend 
als jene ersterwähnten Werke. Der Schönheitssinn ist 
auch hier keinesweges vorwaltend, Hände und Köpfe sind 
ßft Zu gross, der Mund meist klein, und dann wieder, Wo 
er zum Reden geöffnet ist, zu gross. Die Pferde sind sehr
        

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