Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-959097
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Deutsche 
Miniaturen. 
freuden und sein Liebchen, die Nonne durch die buhle- 
rischen Reden des Priesters, die Mönche durch ihren ver- 
borgenen Schatz und durch die Weichliche Ruhe des Bettes 
herabgezogen. Selbst der Einsiedler, der schon hoch oben 
steht, erliegt der letzten Versuchung, der übermässigen 
Freude an seinem Gärtchen. Sie fallen alle den lauernden 
Teufeln entgegen, während nur die christliche Liebe, die 
Caritas, von Engeln getragen, zum höchsten Lohne gelangt. 
Die Herrlichkeit der triumphirenden Kirche, die Thaten des 
Antichrists, das jüngste VGericht mit Hölle und Himmel 
werden dann, jeder dieser Gegenstände auf mehreren Blät- 
tern, dargestellt, und andere vielfach interessante Allegorien 
hinzugefügt. 
Der künstlerische Werth dieser Malereien ist freilich 
sehr bedingt. Die Zeichnung ist dilettantisch ungleich und 
unvollkommen, die Gesichter sind oft ausdruckslosf die 
Augen gross und stier, die Gewandfaltexl nach byzantini- 
sirender Weise gehäuft und oft unrichtig gelegt. Die 
ziemlich dunklen Farben, mit denen die Blätter gedeckt 
sind, machen keinen Anspruch auf Kraft oder Harmonie. 
Von Individualität hat die Malerin noch keine Vorstellung; 
auf dem Schlussblatte, wo alle zu ihrer und ihrer Vorgän- 
gerin Zeit im Kloster lebenden Nonnen brustbildlich und 
mit Beischrift des Namens dargestellt sind, gleicht eine 
völlig der andern ohne eine Spur von Charakteristik. Aber 
dennoch erkennt man an anderen Stellen eine scharfe Beob- 
achtung des Lebens, und ein Gefühl für die ethische Be- 
deutung der Formen. Die heiligen Gestalten sind in alter- 
thümlicher Tracht und Haltung nicht ohne VVürde darge- 
stellt, bei anderen Gegenständen dagegen Kleidung und 
Geräthe nach damaligem Gebrauche sehr kenntlich gegeben. 
Die Gebehrden und Bewegungen des Körpers sind durch- 
weg sehr lebendig und sprechend; oft findet man feine,
        

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