Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-959022
Ihr 
Verhältuiss 
zur 
Architektur. 
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Anderes zu Hülfe; das warme Gefühl, die poetisch ange- 
regte Stimmung der Zeit ersetzte in gewissem Grade was 
811 objectiver Kenntniss fehlte, und lehrte die Künstler die 
Hngemessene und selbst schöne Form finden. Und so 
wurde dieser Mangel fast zu einem Vorzuge. Denn da 
der Körper von innen heraus nach geistigen Motiven ent- 
Stand, wurde der Ausdruck derselben sehr viel inniger und 
Wahrer; die Künstler konnten ungehemmt durch kleinliche 
Details unmittelbar auf ihr geistiges Ziel hinarbeiten und 
Sich mancher Mittel bedienen, welche einer naturalistisch 
mehr durchbildeten Kunst versagt gewesen wären und doch 
die Phantasie mächtig erregen, so dass diese in mancher 
Beziehung unvollkommenen Kunstwerke durch die VVärme 
des Gefühls und durch den Ernst der religiösen Ueberzeu- 
gung ihrer Urheber oft stärker wirken, als die Erzeugnisse 
einer viel vollendeteren Technik. 
Ausserdem gewährte aber diese Schwäche des Natu- 
ralistischen den Vortheil einer innigererl Verschmelzung 
der darstellenden Kunst mit der Architektur. Eine völlig 
gereifte selbstständige Plastik und Malerei wäre nicht fähig 
gewesen, so in die architektonischen Zwecke einzugehen, 
Wie es der gothische Styl forderte; die unbestimmten und 
flüssigen Formen dieser jugendlichen Kunst schmiegten 
sich leicht der architektonischen Gliederung an und ver- 
schmolzen mit ihr zu einem Ganzen. Diese Verbindung 
War der Architektur günstig, indem die diagonalen und 
gerundeten Linien der Plastik die Strenge rechtwinkeliger 
Anordnung milderten; sie war aber auch für die darstel- 
lende Kunst kein feindlicher Zwang, sondern ihr eigenes 
Bedürfniss. Der Formensinn war hinlänglich gereift, um 
die Haltungslosigkeit ihrer schwankenden Gestalten zu 
fühlen und eine Regel zu suchen, die er nur in der Ar- 
Chitektur finden konnte. Daher gab man den Bildwerken,
        

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