Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-953191
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Historische 
Einleitung. 
nicht annehmen, dass diese verwandten Aeusserungen di- 
rekt durch die ritterliche Dichtung hervorgerufen sind, so 
beruhen sie doch auf der herrschenden Auffassung der 
Natur und der Lebensverhältnisse, welche durch die Poesie 
bestärkt und mehr zum Bewusstsein gebracht war. 
Das naturalistische Element ist indessen in den darstel- 
lenden Künsten nicht so überwiegend, wie in der Poesie, 
Weil es (lllfßll den Einfluss der Architektur und der archi- 
tektonischen Stylgesetze beschränkt wurde. Die Plastik 
kam grösstentheils nur im Zusammenhange mit kirchlichen 
Gebäuden vor, sie ging, wie die Architektur, von der 
Ueberlieferung des strengeren Styles der vorigen Epoche 
aus, sie wurde von denselben Steinmetzen ausgeführt, wel- 
chen die architektonische Arbeit oblag. Auch kann sich 
ein plastischer Styl stets nur nach dem V organge der Ar- 
chitektur bilden; erst wenn das Auge in ihr Formen und 
Verhältnisse würdigen gelernt hat, findet es dieselben auch 
in der organischen Natur. Diese Einwirkung des archi- 
tektonischen Elements War aber jetzt um so stärker, weil 
das subjective Naturgefühl noch unbestimmt und formlos 
War und der Regelung durch geometrische Linien und ar- 
chitektonische Gesetze bedurfte. Und gerade dadurch stand 
auch diese Kunst in Uebereinstimmung mit dem gesammten 
Leben der Zeit. Denn auch in diesem forderte das sub- 
jective Gefühl auf allen Gebieten noch immer die höhere 
Regel der Autorität, und entfernte sich von ihr nur zögernd 
und mit dem Bewusstsein seiner Gebundenheit. Jene rit- 
terliche Poesie konnte mit so leichter, phantastischer Kühn- 
heit umherschweifen, weil sie sich nur als den harmlosen 
Gegensatz eines ernsten, wohlgeregelten Lebens Wusste, 
und ebenso verratheil alle naturalistischen Aeusserungen im 
Leben das Gefühl, dass sie nicht der tiefe Ernst, sondern 
vielmehr harmloses Spiel sind. Die bildende Kunst aber,
        

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