Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-953182
Die 
darstellenden 
Künste. 
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welcher ihre Handschriften zu illustriren hatte, durch die 
Wärme der poetischen Schilderung zu lebendigeren und 
ausdrucksvollereil Bewegungen zu begeistern. Dagegen War 
der mittelbare Einfluss der Poesie auf diese Künste nicht 
unbedeutend. YVenn die lilinnesänger die Anmuth ihrer 
Damen und die Lieblichkeit des Frühlings feiern, sprechen 
sie freilich nur leichte, subjective Empfindungen aus; aber 
ihre Lieder führten doch dahin, das Auge für die Natur 
zu öffnen, den traditionellen BegrilT der Schönheit mit dem 
WVohlgefallen an der natürlichen Erscheinung in Verbin- 
dung zu bringen. Die Spuren eines zunehmenden Gefühls 
für psychologische VValn-heit, für Lebendigkeit und Aus- 
druck der Bewegungen linden sich daher in den plastischen 
WVerken bald nachdem die neue Dichtung mehr und mehr 
Gemeingut geworden war. Vom Anfange des dreizehnten 
Jahrhunderts an zeigen auch die Pflanzenornainelite statt 
der bisherigen conventionellen Form mehr und mehr eine 
Aehnlichkcit mit einheimischen Gewächsen. Aber erst noch 
später, als die Dichtkunst schon auf ihrer Höhe stand und 
tiefer eingewirkt haben konnte, äussert sich ein stärkeres 
und richtigeres Gefühl für die Schönheit der menschlichen 
Gestalt; die Formen werden voller und gerundeter, die 
Mienen und Bewegungen sprechender und anmuthiger. 
Und dies geschieht in einer den ritterlichen Dichtungen 
sehr verwandten Weise, mit derselben Leichtigkeit der 
Production, mit denselben Sclnvächeli. Die Körperverhält- 
nisse und Ausdrucksmittel sind unbestimmt, wie dort die psy- 
chologischen Motive, das Charakteristische ist noch wenig 
ausgebildet. Tiefere Studien sind überall nicht gemacht, und 
das V erstahulniss der Natur äussert sich mehr an Weib- 
lichen, als an männlichen Gestalten, befriedigender im 
Holdseligen und Freundlichen, als im Ausdrucke des 
Schmerzes oder ruhiger XVürde. Können wir daher auch
        

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