Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-953172
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Historische 
Einleitung. 
theoretischem Uebermuth oder aus symbolischen Rücksich- 
ten; aber es konnte nur in einer Zeit entstehen, Welche 
an künstliche Systeme gewöhnt war, welche auch in der 
VVirklichkeit über die gemeine Natur hinwegsah, und sich 
eine VVelt von Ansichten und Sitten erschuf, die auf 
kühnen Voraussetzungen beruhete und durch künstliche 
Mittel zusammengehalten wurde, und giebt einen höchst 
merkwürdigen Beweis der schweigenden, aber mächtigen 
Einwirkung, Welche die geistige Richtung der Zeit selbst 
auf die statischen Grundlagen der Architektur ausübt. 
Auf der Verbindung jener naturgemässcn Entwickelung 
und dieser geistigen Richtung beruhet die Schönheit dieser 
Architektur; sie löste eben durch ihr COllSi-PUCÜODSSYSC0111 
die Aufgabe, das ideale Element als wirkliche Realität, als 
schlichte Wahrheit darzustellen. Sie wurde dadurch geeig- 
net, auch den feinsten Regungen des Zeitgeistes einen 
Ausdruck zu verleihen, an seiner Weiteren Entfaltung Theil 
zu nehmen, und auf sie zurückzuwirken. Sie giebt daher 
das reichste und sprechendste Bild dieser edeln und inhalt- 
reichen Zeit, und hat zugleich durch ihre innere Conse- 
quenz und Vollendung eine hohe ästhetische Bedeutung für 
alle Zeiten. 
Die darstellenden Künste dieser Epoche stehennicht 
auf gleicher Höhe; sie sind zu sehr auf das Detail der 
Erscheinung angewiesen, welches in jener idealen Auffas- 
sung nicht vollständig verstanden und durcharbeitet Werden 
konnte. Aber sie haben doch ungefähr den Werth der 
Poesie, mit der sie ja auch der Natur der Sache nach in 
viel näherer Beziehung stehen, als die Architektur. Frei- 
lich War der unmittelbare Einfluss der Dichtung nur ein 
sehr geringer. WVenn Phidias seinen olympischen Zeus 
nach den Versen Homers bildete, so konnten die ritter- 
lichen Dichter sich höchstens schmeicheln, den Zeiclmer,
        

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