Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-953120
Architektur. 
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der Phantasie die Flügel, gab den Gefühlen vVorte und 
dadurch ein berechtigtes Dasein, kräftigte und läuterte sie. 
Aber freilich die höchste Aensserung ihrer Zeit konnte sie 
dennoch nicht werden. 
In ganz anderer, fast entgegengesetzter Stellung befand 
sich die Architektur. Die Poesie War neu und ignorirte 
die X70rhildung, Welche die in ihr ausgesprochenen Gefühle 
und Gedanken unter der Ilerrschaft des traditionellen latei- 
nischen 
Elements erhalten hatten. 
Die Baukunst hatte schon 
eine Vergangenheit; der Styl der vorigen Epoche, wenn 
auch auf traditionellen Grundlagen beruhend, war doch ein 
Erzeugniss des Volksgeistes, der hier ein Mittel der Aeus- 
serung gefunden hatte, während die Sprache ihm noch 
versagt war. Auch die Architektur erfuhr zwar durch das 
neue, selbstbewusste Erwachen der Nationalität einen mäch- 
tigen Impuls, der aber doch nur eine Umgestaltung der 
bisher gebrauchten Formen, nicht wie bei der National- 
dichtung ein völlig neues, von den bisherigen Leistungen 
unabhängiges Erzeugniss hervorbraehte. Der ganze Schatz 
von Erfahrungen, welche bisher gemacht waren, die ganze 
noch jetzt bestehende Kraft des lateinischen Elementes blieb 
ihr nnverkürzt. Während die Poesie nur einem Stande 
angehörte, während das religiöse Leben sie kaum berührte, 
jedenfalls nicht mit seiner vollen Strömung durchtloss, stand 
die Architektur im Dienste der Kirche, wurde aber durch 
die Frische und Kraft der Nationalität, durch die Mitwir- 
kung und Theilnahme aller Stände gefördert. In der v0- 
rigen Epoche war auch sie von einem einzigen Stande 
ausgegangen, aber doch von der Geistlichkeit, von dem 
Stande, welchem alle Quellen des geistigen Lebens zuflos- 
sen, der sich aus allen Klassen des Volkes ergänzte, der 
nicht, wie die Ritterschaft, die anderen aussehloss. Diese 
Beschränkung hörte jetzt auf. Seitdem das Selbstgefühl 
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