Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-953111
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Historische 
Einleitung. 
keine Heimath, schweift in allen Ländern und Zeitaltern 
umher. Ihre Sänger treten als Einzelne auf, als Bericht- 
erstatter, nicht von göttlichen Dingen oder von der grossen 
Vergangenheit, sondern von vereinzelten Abenteuern und 
persönlichen Gefühlen, oder höchstens von phantastisch 
entstellten Sagen, Welche sie selbst nicht verbürgen, die 
sie nur scheinbar auf fremde Zeugnisse stützen. Diese 
anspruchslose Haltung ist ein wesentliches Element der 
romantischen Poesie, alle ihre Vorzüge hängen damit zu- 
sammen; sie gestattet dem Dichter, sich kühner zu bewe- 
gen, Unerhörtes zu wagen, sich mit anmuthiger Leichtig- 
keit zu unterbrechen, der eigenen Phantasie freiesten Auf- 
schwung zu gestatten, die der Zuhörer zu reizen und zu 
steigern. Aber sie ist auch nicht bloss ein künstlerisches 
Mittel, sondern eine innerlich begründete, nothwendige 
Folge der ganzen Stellung der Poesie; sie schloss jene 
höhere künstlerische Objectivität aus, durch welche die 
klassische Durchbildung der Poesie bedingt ist, gab den 
Dichtern eine dilettantische Richtung, verleitete und nöthigte 
fast zu Ungleichheiten , zur Geschwätzigkeit, zu Künste- 
leien des Verses und des Gedankens, so dass auch diese 
Fehler, welche nach Maassgabe der grösseren oder gerin- 
geren Fähigkeit der einzelnen Dichter mehr oder minder 
hervortreten, nicht vereinzelte oder zufällige Erscheinungen, 
sondern in der Natur der Verhältnisse begründet sind. 
Bei alledem haben diese Gedichte doch grosse Vorzüge, 
die edelsten Motive aufopfernder Begeisterung und einer 
grossartigen Weltanschauung liegen vielen zum Grunde, 
Jugendwärme und Waldfrische wehen uns. aus ihnen ent- 
gegen. Und noch wichtiger waren sie für ihre Zeit. Die 
Poesie befreite den Geist von seinen Banden, wagte sich, 
je laienhafter und dilettantischer desto kühner, auf die 
Gebiete religiöser und philosophischer Gedanken; sie löste
        

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