Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-953104
Die 
Dichtkunst. 
31 
den Bildung, war eine Scheidung der Stände eingetreten, 
Welche, so nothwendig und heilsam sie sein mochte, doch 
die Einheit der Nationen brach. Es gab keinen Stand, Wel- 
cher das ganze Volksthum poetisch vertreten konnte. Nicht 
bloss das Volkslied musste sich, seiner Natur nach, in 
bescheidenen Gränzen halten; auch die Ritter Waren Laien, 
Welche die Geheimnisse der Kirche über sich sahen, denen 
die höhere wissenschaftliche Bildung verschlossen war. 
Jenes prophetische Element, welches der Nationalpoesie 
ihre WVeihe giebt, war ihnen versagt. Sie hatten nicht 
das Gefühl des ganzen Volkes, sondern nur das eines, 
sich von demselben aussondernden Standes zu schildern, 
und dieser Stand, obgleich der Nation auf der Bahn neuer 
Gesittung voranschreitend, war vermöge seiner bevorzugten 
Stellung auf eine künstliche, conventionelle Sitte, auf eine 
Steigerung gewisser Gefühle über das natürliche Maass 
hinaus angewiesen. Seine Dichter Waren daher auf diese 
Rücksichten beschränkt, sie konnten nicht aus der Fülle 
der menschlichen Natur schöpfen, nicht die Töne erscl1üt- 
ternder Tragik anschlagen, sie fühlten sich nicht als die 
Verkündiger ewiger allgemeiner, sondern bedingter, nur 
für die augenblickliche Stellung ihres Standes gültiger 
Wahrheiten. Sie hatten es mit idealen Zuständen zu thun, 
die niemals volle Wirklichkeit erlangen konnten, deren 
Schilderung nur einen Anreiz zu einem einseitigen Fort- 
schritte geben sollte. Die Kraft lllld Gediegenheit der 
grossen historischen, im Kampfe mit den tiefen Gegen- 
sätzen des Lebens gereiften Charaktere, die Demuth der 
klösterlichen Heiligen, der Ernst der Wissenschaft, die 
Inbrunst einfacher Frömmigkeit, selbst die Innigkeit der 
natürlichen Gefühle des Volkes fand in der ritterlichen 
Dichtung keine Stelle. Sie giebt nicht die Urgeschichte 
des Volkes, nicht die geheiligte Ueberlieferung; sie hat
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.