Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-957623
Die 
Liebfrauenkirche 
in 
Trier. 
483 
der dann später dasselbe Motiv in reieherer VVeise an der 
Liebfrauenkirche anwandte. Jedenfalls aber, wenn dies 
nicht der Fall war, beweist schon die Wahl jenes halb- 
deutschen Vorbildes eine ungewöhnliche Klarheit und Si- 
cherheit des künstlerischen Bewusstseins, die uns denn auch 
überall in der Ausführung entgegentritt. Der Meister wagt 
es, die in Frankreich längst aufgegebene l4'0rm des rund- 
bogigen Portals beizubehalten, Weil sie dem anmuthigen 
Charakter seines XVerkes zusagt, er geht in der Bildung 
des Kapitäls im Geiste des gothischen Styles weiter, als 
die meisten seiner französischen Zeitgenossen, er wendet 
sich, wo ihn weder die deutschromanische noch die fran- 
zösische Ornamentik befriedigen, unmittelbar an die Natur. 
Er verräth an keiner Stelle die Mattigkeit des Nachahmers; 
jede Linie der Prolilirung, jedes kleinste Detail athmet 
vielmehr eine Wärme der Empfindung, Welche dem gan- 
zen Werke einen Charakter der Jugendfrische und an- 
spruchloser Schönheit verleiht, die jeden empfanglichen 
Beschauer entzückt. So trat also der gothische Styl, ob- 
gleich von Französischen Vorbildern hergeleitet, schon bei 
seinem ersten Erscheinen auf deutschem Boden mit voller 
Selbstständigkeit und mit tieferem Verständniss des Prin- 
Cips auf; der deutsche Geist behandelte ihn nicht als eine 
fremde, fertige Schöpfung, sondern als sein Eigenthum. 
Sehr interessant ist auch der Kreuzgang des Domes de], 
dessen Kapitale und Profile zum Theil mit denen der Lieb- 
frauenkirche so genau übereinstimmen, dass man sie für 
Arbeiten desselben Meisters halten möchte, dessen eigen- 
thümliche Mischung romanischer und gothischer Elemente 
aber zweifelhaft macht, ob er später oder früher entstanden 
ist. Seine (lreitheiligen Liehtölihuilgen sind nämlich rund- 
bogig, und zwar in der Art, dass der [Tmfassungsbogen 
Vgl. 
Schmidt 
Lief. 
Taf. 
und 7, 
31' 
und
        

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