Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-953061
Wirklichkeit 
und 
Kunst. 
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Laien einwirkte. Diese Einfachheit der Sitte kam aber 
wiederum den idealen Bestrebungen zu Statten, indem sie 
die Gemüther von einer Menge kleinlicher Sorgen befreite. 
Ueberblicken wir die ganze Gestaltung des Lebens, so 
finden wir überall eine Fülle künstlerischer Motive. Die 
Idealität der Ansichten und Vorsätze, die edle und külme 
Sorglosigkeit um materielles Detail, die Festlust neben der 
Einfachheit des häuslichen Lebens, das Wohlgefallen an 
der Form und die Neigung zum Phantastischcn, alles Weist 
auf einen künstlerischen Beruf hin. Selbst WO der tro- 
ckenste Verstand herrscht, in der Scholastik, zeigt sich 
dies künstlerische Element in dem Begnügexi an formeller 
VVahrheit, in der Betonung der symmetrischen Gestalt der 
Schlüsse. Wir Neueren neigen dahin, die Kunst nur als 
das irnvollkommene Abbild des Lebens zu betrachten, von 
dieser Epoche kann man lnngekehrt sagen, dass das Leben 
nur ein unvollkommenes, in ungünstigem Stoffe ausge- 
führtes Kunstwerk war. 
Alles drängte daher zur Kunst hin, sie musste noth- 
wendig als die höchste Spitze und Blüthe des Lebens un- 
mittelbar aus demselben hervorgehen, den Versuch machen, 
seine idealen 'l'endenzen in reinerem Stoffe zu vollkomme- 
nerer Ausführung zu bringen. 
Vor Allem gilt dies von der Poesie, die ja in allen 
Zeitaltern dem Leben näher steht, als die anderen Künste, 
und daher bei naturgemässer Entwickelung den Reigen der 
Künste zu eröffnen pflegt. Die sich stets und auch hier 
Wiederholende Erscheinung, dass die Literatur der Völker 
nicht mit der Prosa, sondern in dichterischer Form beginnt, 
beruht theils darauf, dass in dieser Jugendzeit die Völker 
mehr Empfindwlgen als Gedanken, mehr Begeisterung als 
Kritik haben, theils aber auch darauf, dass die Bedeutung 
und innere Schönheit der Sprache, dies grosse, in spä-
        

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