Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-953042
Einfache 
Lebensweise. 
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arten konnte, gewährte edeln Gemüthern eine beneidens- 
werthe, gewissermaassen künstlerische Unbefailgenheit, welche 
der gestaltenden Kraft ethischer Motive günstig war. 
Es bleibt mir noch eine Seite des Lebens zu berühren, 
die materielle, und da ist es merkwürdig, dass diese 
in allen geistigen Beziehungen so rüstig fortschreitende 
Epoche in Beziehung auf Tracht und Lebensweise im 
VVesentlichen die alte Sitte beibehielt. Zwar eifern auch 
jetzt noch die strengeren Moralisten und selbst polizeiliche 
Vorschriften gegen den Kleiderluxus, aber wir finden nicht, 
dass bedeutende Veränderungen eintraten. Die Rüstung 
war noch so schwer, dass man sie Verwundeten nicht 
so bald wieder anlegen konnte, dass sie, wie Joinville bei 
einem ihn selbst betreffenden V orfalle erzählt, nicht gestat- 
tete, das Schwert rasch zu ziehen. Es scheint sogar, dass 
die strenge, religiöse Sitte des Bitterthunls auf eine Ver- 
einfachung der 'I'rachten führte; wenigstens verschwinden 
auf den Monumenten die verzierten Ränder der Kleider 
und wir sehen durchweg schlichte in graden Falten herab- 
fallende Gewänder. Erst nach der Mitte des (lrcizehnten 
Jahrhunderts kommen wieder reichere Verzierungen vor; 
Joinville bemerkt, indem er die in seinen späteren Tagen 
aufkommende grössere Iüeiderpracht rühmt, dass er auf 
dem ganzen Kreuzzüge Ludwigs IX. keine Stickerei an 
Kleidern oder Sätteln gesehen habe. Erst jetzt erfand man 
auch technische Mittel, die Kettenharnische leichter und 
bequemer zu machen, und es wurde nun allgemeine 
Sitte, ein leichtes Oberkleid, an dem man auch wohl schon 
das VVappenzeichen anbrachte, über der Rüstung zu tragen. 
Auch die Frauentracht war noch sehr einfach und natür- 
lich, das Obergewand noch ohne Taille, entweder frei 
herunter-fallend oder durch einen Gürtel zusammengehalten, 
der Hals frei, der Kopf von einem Schleiertuche umhüllt,
        

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