Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-953024
Wundergläubigkeit 
und 
Symbolik. 
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Beobachtungen von Ort zu Ort verbreitet wurden und auch 
in die Zelle des Mönchs drangen.  
Allerdings nehmen unter seinen Geschichten die Wunder 
eine grosse Stelle ein, und zwar oft Wunder, bei denen 
nicht bloss unsere Kritik, sondern auch unsere Moral Be- 
denken findet , Weil sich die I-Iimmelsmächte allzuweit zu 
menschlichen Ansichten und Schwächen herabzulassen schei- 
nen. Allein auch diese Wundergläubigkeit ist ein charak- 
teristischer mit den Vorzügen der Zeit zusammenhängender 
Zug. Man mag in ihr ein Zeichen des Leichtsinnes er- 
blicken, welcher vermeintlich höhere Erscheinungen ohne 
den erforderlichen Ernst der Prüfung aufnimmt, eine Aeusse- 
rung der Sinnlichkeit, die äussere Zeichen fordert, die Folge 
einer unklaren Religiosität, welche die auch zum Ver- 
ständniss der Offenbarung unentbehrliche Kenntniss der 
wirklichen, gottgeschaifenen Natur verschmäht oder ver- 
nachlässigt. Aber sie hängt auch mit den besten Eigen- 
thülnlichkeiten des Zeitalters zusammen, mit der über- 
wiegend frommen Stimmung, welche nur von höheren 
Dingen wissen will und alles Andere dahingestellt sein 
lässt, mit der gläubigen Gesinnung, welche nur von oben 
Irlülfe erwartet, mit der WVärme, welche die heiligen Gegen- 
stände stets in der Erinnerung hat, mit der Kraft der Phan- 
tasie, welche das ErhoiTte oder Gefürchtete wirklich zu 
sehen glaubt. Die VVundergläubigkeit nimmt im gemeinen 
Bewusstsein dieselbe Stelle ein, wie die symbolische VVelt- 
auffassuilg, welche ich früher als die Blüthe mittelalter- 
lichen Gedankens geschildert habe, in der Wissenschaft. 
Beide beruhen auf dem erwachenden Gefühle für die Natur 
bei noch ungeschwächtem und ausschliesslichem Glauben 
an die aus der Offenbarung hergeleitete kirchliche Tradition, 
beide wollen den Einklang zwischen den 'l'hatsachen der 
WVirklichkeit und der göttlichen Weltregierung herstellen.
        

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