Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-956589
Volkscharakter. 
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findet. Während die Bheinländer manche Eigenschaften 
mit den romanischen Völkern gemein haben, ihr rascher 
fiiessendes Blut, ihr leicht erregbarer Sinn sie für Fremdes 
und Neues empfänglich, nach Lebensgenuss und heiterem 
Schmuck begierig macht, ist in Westphalen der ruhige, 
verständige, nüchterne Sinn des niedersächsischen Stammes, 
das treue, fast eigensinnige Festhalten am Hergebrachten 
reiner rmd entschiedener ausgeprägt als in irgend einer 
anderen Gegend. Früher bekehrt und civilisirt als das 
östliche Deutschland besass Westphalen schon im elften 
Jahrhundert reiche und gelehrte Klöster, deren Herrschaft 
sich zum Theil über weite Gebiete erstreckte, bischöfliche 
Schulen, in denen Wissenschaft und Kunst eifrige Pfiege 
erhielten. Aber so lange die Bewohner des Landes fast 
ausschliesslich auf ihren einsamen Höfen hauseten, blieb 
diese Bildung auf jene geistlichen Mittelpunkte beschränkt, 
und erst in dieser Epoche, als die Städte zahl- und volk- 
reicher, und diuch die diesem Stamme eigene Betriebsam- 
keit und Sparsamkeit mächtiger geworden waren, erwachte 
ein höheres geistiges Leben, in welchem sich die Eigen- 
thümlichkeiten des Volkscharakters bestimmter entwickelten 
und Gestalt annahmen. Wie wir gesehen haben, war die 
Wölbung, deren Vortheile dem praktischen Sinne dieser 
Gegend vorzugsweise einleuchteten, schon früh in Auf- 
nahme gekommen. Ihre ausgedehntere Anwendung führte 
jetzt zu weiteren Fortschritten, in welchen die Rücksicht 
auf einfache Zweckmässigkeit verwaltet, zugleich aber auch 
der Freiheitssinn lmd die individuelle Selbstständigkeit, 
Welche den Bewohnern dieser Gegend eigen ist, sich in 
Sehr mannigfaltigen Formen und Versuchen reicherer Aus- 
stattung, immer aber mit einer charakteristischen Einfachheit 
und Derbheit des Schmuckes äussert. Dies Alles ergab denn 
einen Uebergangsstyl, der aber von dem rheinischen sich
        

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