Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952984
Fortschreitende 
Reife 
der 
Charaktere. 
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und poetischen Elemente sind in das Leben eingedrungen, 
und geben, verbunden mit der noch immer vorherrschenden 
Jugendlichkeit, den 'l'haten den Ausdruck genialer Kühnheit 
Eine hervorragende, charakteristische Gestalt dieser Zeit ist 
Friedrich II., ein Fürst, von durchdachten Planen, das 
Staatsleben schon in allen Beziehungen überblickend, ein- 
sichtiger Gesetzgeber, für Wissenschaft und Kunst empfäng- 
lich, dabei aber ein wahrer Ritter, die Welthändel wie 
kühne Abenteuer durchkämpfend, prachtliebend, geistreich, 
von Sängern umgeben, auf den Ruhm edler Sitte Anspruch 
machend und selbst den eines Meisters in der nobeln Pas- 
sion der Falkenjagd nicht verschmähend. Sein grosser 
Gegner, Innocenz III., ist ihm, so viel es die Ver- 
schiedenheit ihrer Stellung gestattet, ganz ebenbürtig, klug, 
kühn und prachtliebend wie Friedrich, gelehrt, ein Meister 
scholastischer Kunst und symbolischer Deutung, auf theo- 
retischem Gebiete ebenso gross wie auf politischem, in sei- 
nen Ansprüchen über das Maass des Richtigen und Aus- 
führbaren hinausgehend, aber dennoch im Ganzen im guten 
Glauben seines Rechts, nicht unzugänglich für Gegen- 
gründe. Eine schönere Erscheinung auf geistlichem Ge- 
biete ist fi'eilicl1 der Bürgerssohn von Assisi, der heilige 
Franciscus, aber auch er ganz diesem Zeitalter angehörig 
und charakteristisch für dasselbe. Seine Frömmigkeit, die 
tiefste und innigste, hat sich dennoch von der Autorität 
losgerissen, seine Opposition gegen den Reichthum der 
Kirche athmet den demokratischen Geist des aufkommenden 
Bürgerthums und wird mit ritterlicher Kühnheit durchge- 
führt, und seine schwärmerische Liebe, obgleich der Ar- 
mnth Christi als seiner Braut gewidmet, hat eine innere 
Verwandtschaft mit der weltlichen Leidenschaft des Trou- 
badours. Weniger genial, aber nicht weniger liebenswürdig 
als dieser Apostel der Armuth ist sein Genosse in den
        

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