Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-955816
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Deutschland. 
in Frankreich Paris schon jetzt in wissenschaftlicher Be- 
ziehung die entscheidende Stimme hatte, Während hier und 
in England der Hof der Könige mehr und mehr eine ton- 
angebende Bedeutung erlangte, während das französische 
Ritterthum eine Gleichmässigkeit der Sitte hervorbrachte, 
entbehrte Deutschland jedes Centralpimktes, sonderten sich 
die Provinzen in ihren Gewohnheiten und Lebensansichten, 
gab diese Mannigfaltigkeit ohne höhere Einheit schon jetzt 
bald ein behagliches Festhalten an localen Formen, bald 
ein Willkürliches Auflehnen der Einzelnen gegen eine Sitte, 
die ihnen nicht imponirte. Auch erkannten die Deutschen 
die neuerlangten Vorzüge ihrer westlichen Nachbarn in 
vollem Maasse an. Alle, welche höheren Wissenschaft- 
lichen Beruf zu haben glaubten, Geistliche, die Söhne 
edler, selbst fürstlicher Häuser wanderten nach Paris, um 
dort aus der Quelle der neuen Weisheit zu schöpfen; die 
deutsche Ritterschaft suchte sich die damals in Frankreich 
ausgebildete Eleganz und Courtoisie anzueignen; Kaiser 
Friedrich I. , der selbst als Vorbild eines deutschen Cha- 
rakters betrachtet werden kann, stellte in provenzalischen 
Versen, die uns erhalten sind, geradezu den französischen 
Ritter als das Ideal der Ritterschaft auf. Allein so gern 
man wollte, konnte man diesen fremden Vorbildern den- 
noch nicht unbedingt nachkommen. Die Mannigfaltigkeit 
der Verhältnisse, die freie Bewegung der Geister, welche 
der fast anarchische Zustand gestattete, hatten die Neigimg 
zu tieferem, mystischen Denken, zu innigerem, schwärme- 
rischen Fühlen, die im deutschen Charakter liegt, stärker 
angeregt, und diese Neigung machte sich jetzt den frem- 
den, hier völlig conventionellen Formen gegenüber geltend. 
Die deutschen Dichter brauchen französische Namen und 
Phrasen, sie entlehnen ihre Stoffe aus französischen Dich- 
tungen, aber sie legen ihre eigenen tiefen Gedanken
        

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