Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952911
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Historische 
Einleitung. 
dacht sein musste, konnte sich den Anforderungen der 
Ehre und des Ruhmes nicht so unbedingt hingeben, wie 
der einfache Rittersmann, dessen ganze Habe in seinem 
Ross, seinen Waffen und seinem Namen bestand. Dieser 
hatte dadurch Gelegenheit, sich jenem gleichzustellen, ihn 
an Ruhm zu übertreffen, und den Werth jener sittlichen 
Anforderungen durch Wort und 'l'hat zu steigern. 
Vor Allem äusserte sich die poetische Richtung des 
Ritterthums in der gesteigerten Verehrung der Frauen und 
in der idealen Auflassung der Liebe, die mit dem Anfange 
dieser Epoche begann oder doch allgemeiner wurde. An 
die Stelle der leidenschaftlichen Begierde, Welche in der 
vorigen Epoche zum Frauenraube und zu anderen stürmi- 
schen Ereignissen geführt hatte, trat jetzt eine Ansicht, 
welche die Frauen wie höhere Wesen, die Liebe als un- 
widerstehliche Macht, als höchste Blüthe und Zierde des 
Lebens, als Würdigsten Gegenstand des Denkens und Dich- 
tens betrachtete. Zwar übte diese Ansicht keinesweges 
einen tiefen und bleibenden Einfluss auf die Gestaltung 
fester sittlicher Verhältnisse; die Ehen wurden nach Wie 
vor mehr nach äusseren Rücksichten, als nach den Be- 
dürfnissen der Herzen geschlossen, sie wurden nicht un- 
glücklicher, aber auch nicht inniger und reiner als zuvor. 
Aber dies schwächte die Bedeutung der Liebe nicht, diente 
vielmehr dazu, ihr einen Schein höherer Idealität zu ver- 
leihen. Die ganze ritterliche Welt verhielt sich wie erregte 
Jünglinge, für welche die Liebe an und für sich und ohne 
Hinblick auf die Ehe einen Gegenstand der Begeisterung 
bildet, deren Leidenschaft durch den Widerspruch, wel- 
chen die Wirklichkeit ihr entgegensetzt, nur zur höchsten 
Gluth gesteigert wird. Und diese Steigerung war für jetzt 
noch wirkliche Wahrheit, kein Scheingefühl, nicht blosse 
Courtoisie. Die tragischen Geschichten, welche seitdem so
        

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