Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-955762
Allgemeine 
Charakteristik. 
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Architektur eine symbolische Bedeutung hinein. Daran 
War überdies die Nation gewöhnt; die derben Formen des 
normannischen Styls waren wirklich der Ausdruck der 
Wehrhaftigkeit und Kraftfülle der Beherrscher dem besieg- 
ten Volke gegenüber. Jetzt hatten sich die Zeiten geän- 
dert; die Stämme waren verschmolzen, die neugebildete 
Nation ordnete ihre Verhältnisse in klarer und segensrei- 
cher Weise. Statt jenes Trotzes liebte man jetzt ritterliche 
Eigenschaften, tapferen Muth, unbeugsamen Willen, aber 
gepaart mit Gesetzlichkeit und Mässigung mid mit der 
Empfänglichkeit für zarte Gefühle. Dieser Sinnesweise 
konnten die alten rohen Formen nicht mehr genügen. Als 
daher der neue Styl über den Kanal kam und entgegen- 
gesetzte Züge darbot, nahm man keinen Anstand, ihn mit 
rascher Aufopferung des alten Geschmacks sich anzueignen, 
begann aber auch sofort, ihn in jener symbolisch-decora- 
tiven Weise zu behandeln, beschränkte daher den con- 
structiven Ausdruck und betonte die dccorativen Elemente, 
bis man die Formen gefunden hatte, welche die gewünschte 
ldeenverbindung gaben. 
Dies erklärt die rasche und gleichmässige Ausbildung 
des englischen Styls. Er entwickelte sich nicht aus den 
älteren Formen, sondern wurde mit Verwerfung derselben 
aufgenommen. Er hatte nicht mit der Feststellung der 
constructiven Erfordernisse und der Entwickelung des Or- 
naments aus denselben zu kämpfen; der Anforderung, in 
jedem Gliede seine Function auszusprechen und doch das 
Ganze in Harmonie zu halten, war man überhoben. Wie 
viele Versuche machten die Meister von Chartres, Rheims, 
Amiens und ihre Zeitgenossen, um die richtigen Verhält- 
nisse der Schäfte und Kapitäle an Kernpfeilern und an- 
liegenden Säulen zu finden, wie schwer wurde es ihnen, 
die schöne Form des korinthischen Kelchs aufzugeben, wie
        

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