Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952869
Kirchliche 
Verhältnisse. 
schaft ein folgenschweres Ereigniss. Es lag in ihr eine 
unbewusste Protestation gegen die unbedingte Herrschaft 
der 'l'radition; man wollte den Glauben erobern, ihn nicht 
mehr in der Form des Buchstabens, sondern mit innerem 
Verständnisse besitzen. Der Eifer, mit welchem die Schüler 
den Hörsälen zuströmten, beweist, (lass man die Wissen- 
schaft in diesem Sinne aulfasste, dass diesem geistigen 
Streben ein Bedürfniss des Gefühls zum Grunde lag. In 
der That War die Frömmigkeit zwar nicht eine geringere, 
aber wohl eine andere geworden, als in der vorigen Epoche. 
Sie begnügte sich nicht mehr mit blinder Unterwerfung 
unter das Gesetz der Kirche, sie war inbriinstiger, selbst- 
thätiger, trat in wärmeren, persönlichen Aeussernngen 
hervor, strebte sich dem Heiligen zu nähern. Sie blieb 
wundergläubig und winidersüchtig, aber sie verlangte 
VVunder anderer Art, bcgreiflichere und anmuthigere. 
Phantasie und Poesie drangen mehr in die Gebiete des 
Glaubens ein; die Vergangenheit trat zurück, die Sage 
schloss sich an die Gegenwart an. Die Kirche musste 
dieser schwärmerischen Erregung nachgeben, ihre Glieder 
Waren selbst davon ergriffen; sie musste subjectivere Aeus- 
serungen der Frömmigkeit gestatten, sich ihnen anbeque- 
men, neuen Anforderungen genügen, anderen Heiligen den 
Vorrang einräumen. Der Mariencultus, freilich schon seit 
Jahrhunderten in steigender Bedeutung, wurde immer mehr 
vorherrschend, man dachte sich die Mutter Gottes doch 
fast in der Weise einer edeln ritterlichen Frau, milde und 
nachsichtig, fern von der unerbittlichen Strenge der älteren 
Kirche, auch weltlichen Empfindungen, die nicht ohne Ei- 
telkeit und Sünde sein konnten, schonende Berücksichti- 
gung gewährend  Die ritterlichen Heiligen erhielten 
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sondern 
Wie sehr diese Auifassung nicht bloss in ritterlichen Kreisen, 
selbst im Kloster herrschte, beweisen die überhaupt höchst
        

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