Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-954589
Anwendung 
des 
gothischen 
Styls. 
179 
vom ersten Eindringen des gothischeil Styls bis an die 
Zeit der Renaissance mischen sich noch romanische Form- 
gedanken ein. Und noch mehr gilt dies von den südlicheren 
Gebäuden dieser Region. Selbst wo die Details völlig 
gothisch sind, macht das Ganze, schon durch die breitere 
Anlage des Schiffes und durch das flache Dach, einen von 
den nordischen Gebäuden abweichenden Eindruck. WVir 
vermissen die Abstufung der verschiedenen Theile, den 
Wechsel des Festen und Lichten, und finden statt dessen 
einfache, hohe Mauern mit wenigen und kleinen Fenstern, 
welche, zumal da sie oft statt der Fialen Lmd Balustraden 
mit Zinnen bekrönt sind, ein fast festungsartiges Ansehen 
haben. Ueberhaupt gelang die Ausführung des gothischen 
Styls hier besser in kriegerischen Befestigungsbauteil, als 
an Kirchen, Was bei den Modilicationen und Beschrän- 
kungen der freien Entwickelung des Styls, die dieser Zweck 
mit sich bringt, wohl erklärbar ist f). 
Etwas früher und reiner tritt der gothische Styl im 
Languedoc auf, wo die nordischen Sieger ihn ebenso 
einführten, wie sie den Städten die Statutargesetzgebung 
von Paris, die s. g. Coutumes aufnöthigten. Schon die 
Abteikirche St. Paul in Narbonne, zu welcher 1229 der 
Gnmdstein gelegt wurde, ist gothischer Anordnung; aber 
ungeachtet ihrer ziemlich schlanken Pfeiler und ihrer regel- 
mässigen Kreuzgewölbe macht sie n1it ihren sparsamen und 
in weiten Abständen angebrachten Fenstern und ihren 
schweren, mit Figuren geschmückten Kapitälen noch den 
Eindruck eines romanischen Gebäudes. Erst nach der 
Mitte des Jahrhunderts entstand in diesen Gegenden eine 
Gruppe von Kirchen, an denen die höchste Eleganz des 
f) Das Schloss von Beaucaire, die Mauern von Aigues Mortes, 
die Thürme von Villeneuve und Montmajour werden gerühmt. Merimee 
a. a. O.
        

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