Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Entstehung und Ausbildung des gothischen Styls
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952410
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-954274
148 
Französische 
Gothik. 
dem sehr richtigen Grundsatze aus, das Ornament aus den 
constructiven Gliedern zu entwickeln; sie verdankten diese 
Regel der strengen Schule vom Anfange dieses Jahrhun- 
derts, welche in dem ersten Eifer der Erfindung nur an 
die Herstellung des Construetionssystems gedacht und da- 
durch einen gewissen ernsten Schmuck, ohne ihn zu suchen, 
erlangt hatte. Sie fuhren aber auf diesem XVege fort, 
indem sie nichts was nöthig oder nützlich war, verbargen, 
es aber überall so gestalteten, dass es die Function des 
bestimmten Gliedes oder Theiles lebendig und mit einem 
Anklange an organisches Leben aussprach. In dieser XVeise 
entstanden alle die Formen, Welche dem gothischerl Bau 
einen so ilnvergleichlichen Reichthuln geben; das hIaass- 
Werk der Fenster und Bogenreihen, die Fialen der Strebe- 
pfeiler, die Triforien, sie alle sind nicht blosse Zierde, 
sondern zugleich nützlich. Selbst die phantastischen Thier- 
gestalten, Welche von den Dächern der Kirchen in die Luft 
hinausragen, sind nichts als ein zweckmässiges Mittel, um 
das Regenwasser in genügendem Abstande von den Mauern 
herabfallen zu lassen, und so wurde denn auch sonst alles 
Nützliche, bis auf den Eisenbeschlag der Thüreil herunter, 
in einer Weise ausgeführt, dass es zur Zierde gereichte. 
[Die Menge statischer und kirchlicher Bedürfnisse bildete 
unmittelbar den Reichthnnl des Schmuckes. Aber neben 
dieser weisen Berücksichtigung des Nützlichen machte sich 
auch das höhere Princip der Ornainentik, Welches schon 
aus dem Wesen architektonischer Schönheit folgt und da- 
her in allen Systemen mehr oder weniger anerkannt ist, 
hier vorzugsweise und mehr als in anderen Stylen geltend. 
Keine Stelle sollte leer, keine bloss lebloses Mittel zum 
Zwecke sein, jede, wenn sie auch an sich selbst keine 
individuelle Leistung hatte, doch durch ihre Gestalt an- 
deuten, dass sie ein Theil eines lebensvollen Organismus
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.