Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das eigentliche Mittelalter
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-930673
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-937002
Schlussbetrachtuxxg. 
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stems das Recht und selbst die Gewissenspflicht, die star- 
ren traditionellen Formen nach bestem Wissen zu schmücken 
und durch diesen wechselnden Schmuck anzudeuten, wie 
viele Einzelne am Hause des Herrn mitgebauet hätten. 
Betrachten wir die Baukunst dieser Epoche von diesem 
Standpunkte aus, so verschwindet sofort das Vorurtheil, 
Welches den Kritikern der vorigen Jahrhunderte das Ver- 
ständniss verschloss; die Mannigfaltigkeit der Formen ist 
nicht das Product einer ungezügelten Willkür und Regel- 
losigkeit, sondern die nothwendige Aeusserung des im 
Geiste des Christenthums und der germanischen Völker 
tief begründeten Princips der Freiheit und Persönlichkeit. 
Sie giebt sogar, Wenn wir näher darauf eingehen, diesen 
oft formlosen und unbeholfenen Arbeiten einen geheimniss- 
vollen Reiz; sie haben durch die Fülle des individuellen 
Lebens, die sich in ihnen fast unbewusst und jedenfalls 
mit höchster Unbefangenheit regt, eine Frische, Wärme 
und Ursprünglichkeit, wie die umnittelbaren Erzeugnisse 
der Natur, und erwecken ein grösseres Interesse, als viele, 
selbst als die Mehrzahl der Leistungen mancher weiter 
entwickelten Zeit. Zwar fehlt auch diesen das individuelle 
Element nicht, es ist der Kunst durchweg unerlasslich. 
Aber die Individualitäten sind in civilisirteren Zeiten durch 
die Gleichförmigkeit der Bildung abgeschwächt, sie sind 
Wenigstens nicht so naturkräftig und eigenthümlich, die 
verwaltende Reflexion raubt ihren Aeusserungen leicht die 
Innigkeit und Wahrheit. Nur die begabtesten und edelsten 
Naturen vermögen daher in solchen Zeiten ihre Individua- 
lität frei und künstlerisch zu entwickeln. Während dann 
aber ihre Werke durch die Verbindung einer gereiften 
Persönlichkeit mit den technischen Vorzügen einer durch- 
bildeten Kunst das Unübertroffene leisten, bleibt die Mehr- 
zahl der VVerke ihrer Zeitgenossen Weit dahinter zurück.
        

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