Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das eigentliche Mittelalter
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-930673
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-936990
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Schlussbetrachtung. 
War die antike 'l'raditi0n nöthig, um die germanischen 
Völker vor der Zersplitterung in Willkür und Zucht- 
losigkeit zu bewahren und zu einer höheren Einheit heran- 
zubilden, so hatte andererseits die germanische Nationalität 
einen ebenso bestimmten Beruf; sie sollte jene starre Ueber- 
lieferung mit ihrer Gefiihlstiefe, mit ihrer Freiheitsliebe und 
Subjectivität durchdringen und so zu einer Wiedergeburt 
führen. Auf späteren Stufen finden wir diesen Prozess 
schon Weiter vorgeschrittexi und beide Elemente einiger- 
maassen verschmolzen, wenn auch noch immer sich pola- 
risch abstossend und sondernd; auf der gegenwärtigen lie- 
gen sie unverhüllt vor Augen. Die Tradition ist noch ein 
äusscrliches, nicht in das geistige Eigenthum der Völker 
übergegangenes Gesetz, die germanische Subjectivität ist 
noch nicht durch irgend eine Regel geordnet, sondern tritt 
nur als natürliche Freiheit hervor. Sie nimmt daher auch 
nach 
der 
natürlichen 
und 
historischen 
Beschaffenheit 
der 
Provinzen 
verschiedene 
Gestalten 
Elfl. 
Es 
ist 
dies die noth- 
wendige Vorarbeit Weiterer Verschmelzung. 
Aber in diesen provinziellen Verschiedenheiten erschien 
das individuelle Element doch noch gebunden, nicht in sei- 
ner vollen persönlichen Freiheit. Diese musste sich daher 
auch noch ferner innerhalb der Schulen geltend machen, 
sei es, dass sie durch die wechselnde und individuelle Ge- 
staltung der wiederkehrenden Glieder, durch die rhythmi- 
sche Anlage des Grundplans und durch die Gruppenbildung 
schon einen gesetzlichen und objectiven Ausdruck er- 
hielt, oder dass sie nur in der Ausführung und Orna- 
mentation subjectiv hervortrat. In der griechischen Kunst 
wäre es Uebermuth und Frevel gewesen, wenn der ein- 
zelne Arbeiter sich erlaubt hätte, von der Gleichheit des 
Kapitälschmuckes abzuweichen. Auf dem Boden der neu- 
entstehenden Kunst hatte er beim Mangel eines festen Sy-
        

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