Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das eigentliche Mittelalter
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-930673
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-931365
Die 
Poesie. 
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gegen den Schluss des elften Jahrhunderts; das Loblied 
auf den heiligen Anno, den Erzbischof von Köln, und die 
proveilzalischexi Dichtungen des Grafen von Poitou sind die 
ersten namhaften Beispiele. In beiden erkennen wir schon 
die Regungen eines neuen Zeitalters, den Gebrauch des 
Reims und neuer Versmaasse, den Einfluss des christlichen 
und des germanischen Geistes. Aber jenes Loblied giebt, 
um auf den Heiligen, den es "feiert, zu gelangen, eine 
Weltchronik, nicht ohne lebendige poetische Anschauungen, 
mit regem Sinne für das Gewaltige, Tragische der Ver- 
hältnisse, mit tiefem Ernst; es hält sich mehr im Allge- 
meinen. Bei den französischen Dichtern dagegen finden 
wir Liebeslieder, ritterlichen Uebermuth, durchweg die Rück- 
sicht auf unmittelbare, persönliche Umgeblmgen. Und ebenso 
zeigt sich die Verschiedenheit in der lateinischen Literatur. 
Die Deutschen bleiben in dem Ton der einfachen Chronik 
oder erheben sich zu klassischen Formen; die Romanen 
mischen gern etwas Poetisches ein. Die Sprache ihrer 
Chronisten zeigt oft ihre innere Erregung, sie suchen ge- 
steigerte Ausdrücke, lieben Uebertreibungen, bewegen sich 
gern in Antithesen, sehen überall helles Licht oder schwarze 
Finsterniss, Himmel oder Hölle. Die Einmischung von 
Versen in die l'1'0sa fand schon früher statt, aber dann in 
Renliiliszeilzeil aus antiken Dichtern, nicht als Regung eigener 
und nationaler Gefühle. Jetzt sind die antiken Maasse ver- 
gessen oder entstellt; es ist oft nur ein regelloser Wechsel 
von Reimen, in dem der Chronist sich ergiesst, aber er ist 
immer an einer für ihn bedeutsamen Stelle eingemischt. 
VVenn er die Veränderliehkeit menschlicher Dinge empfindet, 
wenn er einen interessanten Charakter schildern, Liebe oder 
Abneigung ausdrücken will, so ergeht er sich gern in ei- 
nem iWeehsel des Gleichklanges, der die Beziehung der 
Gegensätze dem Ohre fühlbar machen soll, es entsteht eine
        

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