Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das eigentliche Mittelalter
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-930673
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-931224
Derbheit 
der 
Sitte. 
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Kraftäussermigen. Gilt dies schon einigermaassen von den 
Griechen des homerischen Zeitalters, so tritt es bei den 
germanischen Völkern noch viel auffallender hervor, weil 
eben die allgemeine Regel der Kirche und des Staates eine 
fremdere und abstraktere war. Einen Homer, der mit un- 
geschminkter WVahrheit schildert, konnten diese Zeiten nicht 
haben, aber auch die unbehülfliche Latinität der Chronisten 
lässt uns Ziige erkennen, die an die homerischen Helden 
erinnern. Dieselbe Einfachheit und Derbheit der Sitten, (lie- 
selbe Naivetät des Ausdrucks, die Olfenheit leidenschaft- 
lichen Begehrens und dann wieder die weiche Gutmüthig- 
keit, Welche dem rauheil Krieger plötzliche 'l'hränengüsse 
entlockt. Aber freilich finden wir bald, dass wir nicht 
Griechen, die schon durch blossen Instinkt ZllIIl Edlen und 
Schönen geneigt sind, sondern harte, trotzige Naturen, 
maasslos in Genüssen und im Zorne, vor LlllS haben. Es 
ist nicht zu läugnen, dass die germanischen Völker in dieser 
Epoche starrer und unlenksamer sind, als in den Tagen 
'l'heoderich's und Karfs; die Aeusserungen sind greller, 
gewaltsamer, die Charaktere eigenwilliger und selbst bös- 
artiger, zu einer sanften, schonenden Erziehung waren sie 
daher nicht geeignet, die Kirche musste ihnen gegenüber 
mit unbeugsamer Strenge auftreten. Aber ein gewisses 
Recht hatte ihre natürliche Anlage doch auch, der Vernich- 
tungskrieg, den die Kirche gegen sie führte, War, wenn 
auch nolhtvendig, doch tragisch. Auch war diese Volks- 
kraft ihr nicht durchaus feindlich, sie gab ihr auch die 
Mittel des Kampfes. Auf dem Boden römischer Civilisa- 
tion wäre diese Kirche nie erstarkt, nur im Streite mit 
dieser rohen Naturkraft koimte sie ihre Stärke kennen ler- 
nen, nur aus diesen kräftigen Stämmen ihre Vorkämpfer 
und ihre treuen Schaaren erhalten. Jenes Element roher 
Derbheit lebt daher auch in der Kirche, das Gefühl des
        

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