Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das eigentliche Mittelalter
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-919364
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-919975
32 
Demuth. 
Die alte Welt hasste freilich den Uebermuth, aber 
sie kannte nicht die Demuth, sondern nur die Mäs si- 
gung, und diese war nicht eine Anerkennung sittlicher 
Schwäche, sondern nur die Bedingung der Kraft und 
Schönheit, sie setzte ein Selbstgefiihl, einen edlen Stolz, 
etwas Götter-gleiches voraus. Das Christenthum hat 
diesen Wahn für immer getilgt und unsere Schwäche 
bloss gelegt; es hat dies so gründlich gethaxi, dass 
selbst die, welche die Lehre des Heilandes verwerfen, 
welche ein blindes Gesetz zum Urquell der Dinge machen 
oder die Menschheit auf den göttlichen Thron erheben, 
dies Bewusstsein ihrer und unserer Schwäche an sich 
tragen. Dies Bewusstsein ist die Wurzel der modernen 
Sitte, es ist das, was auch uns mit dem Mittelalter ver- 
bindet "und seinen Gestalten einen Ausdruck giebt, der 
LlIlS 
als 
bekannt anspricht. 
Auch 
hier 
aber 
wirkte 
das 
zunächst 
Christenthum 
nicht allein, sondern in Verbindung mit dem germani- 
schen Volksgeiste und namentlich mit jenem Freiheits- 
begrif f e, dessen auflösende Kraft überall aufräumte, wo 
das christliche Princip volksthümlich werden sollte. Er 
isolirte die Persönlichkeit, und diese Einsamkeit, die 
auf moralischem Gebiete nicht wie auf dem rechtlichen 
durch Anschluss an den Lehnsverband oder an eine 
Genossenschaft zu heben war, wurde schmerzlich empfun- 
den. Jene Freiheit, aus heidnischem Stolze entsprungen, 
wurde die Mutter christlicher Demuth. 
Die Demuth des Mittelalters war nun freilich nicht 
jenes sanfte Gefühl, das uns in der Fülle des Glücks 
wie des Unglücks die Knie beugen lehrt; sie hatte einen 
heftigen, leidenschaftlichen Charakter, bedurfte äusserer
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.