Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das eigentliche Mittelalter
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-919364
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-922963
Das 
Vegetabilische 
Geometrische. 
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Boden war die Einheit des geistigen Urhebers der Dinge 
und der von ihm geschaffenen Natur eine unerschütter- 
liche Vgraussetzllng; die Gedanken blieben daher massiger 
und praktischer, das Gefühl wurde weich und sehnsüchtig 
und die Phantasie kleidete ihre geistigen Stoffe in natür- 
liche Formen. Aber sie wurde von dem Naturgebiete 
angezogen, Welches dieser Scheidung der Kräfte ent- 
sprach, nicht von der menschlichen Natur, in der Alles 
in einer untrennbaren Einheit umschlossen ist, sondern 
von der Pflanzenwelt, deren Unbestimmtheit, Biegsam- 
keit und wuchernde Fruchtbarkeit ihr zusagte. Nicht 
bloss in der Kunst, auch in der Sittlichkeit des Mittelalters 
erkennen wir die Verwandtschaft mit der vegetabilischen 
Natur; die Begeisterung treibt mit üppigem Wachsthum 
aufwärts, bis sie geschwächt sich niedersenkt, die Hin- 
gebung rankt sich wie Epheu an den ihr dargebotenen 
Gegenständen empor, "und der Glaube wurzelt wie die 
Pflanze in dem Boden der Autorität, in dem er gewachsen 
ist. Alle jene moralischen Züge, welche das Vorherrschen 
des weiblichen Elements bedingten, enthalten auch eine 
Verwandtschaft mit der vegetabilischen Natur. 
Im romanischen Style kam diese Richtung auf das 
Phantastische und auf Gefühlsweichheit noch nicht zur 
Ausbildung, weil hier noch das Verständige, der 
Gedanke eines strengen, beherrschenden Gesetzes, über- 
mächtig war und jenen anderen Kräften nur ungeregelte 
Ausbrüche gestattete. Im gothischen Style ist dagegen 
der Gedanke einer vollen, aber dennoch geregelten indi- 
viduellen Freiheit zur Reife gekommen. Das Verständige 
ist vom Gefühl und von der Phantasie ganz durchdrungen, 
sie haben sich selbst dem Verstande gemäss ausgebildet, 
und durchfliessen in regelmässigen Adern belebend und
        

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