Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das eigentliche Mittelalter
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-919364
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-922355
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Der gothische 
Styl. 
endet war, versagte sich die Pietät spätererGeschlechter 
nicht, Kapellen oder andere Anbauten in ihrem verän- 
derten Geschmacke anzufügen. Dies kann natürlich sehr 
entstellend werden, ist es aber, vermöge der Eigenthüm- 
lichkeit des Styls, weniger als man glauben sollte. Der 
gothische Bau bildet gar nicht eine absolute Einheit, an 
der nichts zugesetzt oder abgenommen werden könnte; 
er wächst von innen heraus, wie der Baum, der alljähr- 
lich neue Ringe treibt; jeder Zusatz ist ein neuer Beweis 
der Lebenskraft. Er besteht aus einzelnen Architekturen, 
die zwar ein gewisses Verhältniss zu einander haben, 
aber keinesweges alle gleich sein müssen, vielmehr theils 
wegen der Stelle, die sie einnehmen, theils auch nur um 
ihre relative Selbstständigkeit anzudeuten, eine gewisse 
Verschiedenheit, auch in der Behandlung, erlordern oder 
doch dulden. Daher macht es auch keinesweges immer 
einen nachtheiligen Eindruck, wenn wir die Spuren ver- 
schiedener Jahrhunderte an einem Gebäude wahrnehmen, 
sofern nur die Veränderung des Styls mit den verschie- 
denen Ansprüchen der Theile, zusammenfallt, an welchen 
sie vorkommt, wenn also z. B. Chor, Facade und Thurm, 
als die geschmückteren Theile etwas später erbaut sind 
und daher von der Einfachheit des übrigen Baues abwei- 
chen. Nur dann wird solche Mischung störend, wenn 
die späteren Theile ganz fremdartig, also etwa der An- 
tike nachgebildet sind, nicht dann, wenn sie noch aus 
demselben Bildungsgesetze herstammen, das sich durch 
die Zeit des gothischen Baues bis an die äusserste 
Gränze des Verfalls, wenn auch mit verminderter Kraft 
und Frische, erhielt. Denn griechischer und gothischer 
Styl sind nicht bloss verschieden, sondern sie sind im 
Ganzen und im Einzelnen völlige Gegensätze; sie
        

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