Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Altchristliche und muhamedanische Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-898144
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-904051
Die 
geistige 
Grundlage 
des 
Reimes. 
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formelle Bedeutung haben, als die Entfernung jener andern 
abzumessen. Diese haben daher keine Verbindung unter 
sich, sie erhalten sie erst durch den Reim. Der Gleich- 
klang steht vereinzelt unter Ungleichem, er tritt dazwi- 
schen als eine plötzliche, unvermittelte Uebereinstimmung. 
Sich frei mid mit blosser Symmetrie gehen lassen und 
durch einen kühnen Wurf zur Regelmässigkeit zurück- 
kehren, das ist das Gesetz der gereimten Poesie. Man 
sieht, wie darin die spielende Phantasie eine viel grössere 
Freiheit hat; unter den gleichgültigen, frei hinfliessenden 
Worten erscheint das Wort des Reims überraschend, 
wie eine Art Wunder. In der regelmässigen Verkettung 
der gemessenen Sylben herrscht dagegen durchweg ein 
festes Gesetz, eine N othwendigkeit, wie in der plastischen 
Gestaltung der Naturkörper.  
Der Reim geht daher aus einer Neigung zum Phan- 
tastischen und aus einer Stimmung hervor, in welcher 
der Gegensatz der Dinge, die Antithese, eine beson- 
dere Wichtigkeit hat. Bei den Arabern und bei den Ger- 
manen haben wir diese Richtung schon oben beobachtet; 
auch bei den Indern aber hat der grosse Gegensatz der 
Dinge, der Gegensatz von Ewigkeit und Vergänglichkeit, 
von schwelgerischem Geniessen und höchster Steigerung 
des Entbehrens, eine entschiedene Wichtigkeit, er ver- 
bindet sich hier bei den Brahmauen mit dem ganzen 
Reichthume eines polytheistischen Götterkreises, und tritt 
bei den Buddhisten mit aller Schärfe hervor. Mit diesen 
Völkern müssen wir aber auch die Juden in Verbindung 
bringen, bei denen der Gedanke des Gegensatzes noch 
tiefer ausgebildet, der Schwung der Phantasie noch kühner 
und voller ist. Hier finden wir nun in der hebräischen 
Poesie, wenn auch nicht die Form des Rcimes, doch etwas 
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