Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Altchristliche und muhamedanische Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-898144
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-903187
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Die 
germanischen 
Völker. 
römischen Gesetzlichkeit aufnahmen, war es möglich, dass 
jenes tiefer bei ihnen eindrang. Wenn aber rohe Völker 
die Bildung nicht in sich allmälig erzeugen, sondern von 
Aussen her empfangen, so ist es natürlich, dass sie sich 
zuerst daraus nur das allgemein Menschliche, dessen 
Nutzen sie leicht einsehen, aneignen, also mehr das Sinn- 
liche, welches auch der Eigensucht des Menschen am 
Meisten verwandt ist und am Leicht-esten in Verderbniss 
übergeht. 
Man hat wohl die tiefere Empfänglichkeit der Ger- 
manen für die christliche Sitte aus ihrer grössern Einfach- 
heit und Unverdorbenheit erklärt. Allein das Böse ist 
im Zustande der Rohheit nicht geringer als in dem der 
Civilisation. Auch bemerkten wir schon, dass bei den 
Griechen und Römern nicht die verderbte, sondern die 
erhaltene und deshalb heidnische Sitte dem Christenthume 
entgegenstand. Von dieser waren freilich die Germanen 
freier, aber was sie davon annahmen wirkte um so nach- 
theiliger, als es mit ihrer natürlichen Rohheit in Verbin- 
dung trat. 
Nur die innere Anlage des deutschen Charakters 
machte denselben für die tiefste Empfängniss des christ- 
lichen Geistes geeignet, und bei der gleichzeitigen Be- 
rührung mit römischer Sitte und mit christlicher Lehre 
konnte diese Anlage sich keinesweges sogleich entwickeln. 
Ueberall ist nichts schwieriger als sich selbst treu zu 
bleiben; allzuleicht nimmt der angeborne Charakter durch 
den Widerspruch gegen die Aussenwelt eine falsche Fär- 
bung an. Besonders aber in starken und tiefen Naturen 
werden oft die glücklichsten Anlagen in einer verkehrten, 
jugendlichen Anwendung fast unkenntlich, bis sie erst 
später wieder hervortreten. So geschah es auch diesen
        

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