Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Altchristliche und muhamedanische Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-898144
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-901777
Ursachen 
ihrer 
künstlerischen 
Schwächen. 
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über das sinnliche Dasein emporhebt und ihn begeistert, 
es für geistige Güter zu opfern. Eine solche Freiheit 
pflanzt, wie Winkelmann schön sagt, gleichsam in der 
Geburt selbst den Samen edler und crhabner Gesinnungeil; 
sie ist die Erzieherin grosser Menschen, die Quelle grosser 
Thaten, sie erweitert unsern Blick und erhebt unsre Seele, 
wie der Anblick der unermesslichen Fläche des Meeres 
und das Schlagen der stolzen Wellen an den Klippen des 
Strandes. Ohne eine solche Freiheit kann keine wahrhafte 
Kunst entstehen, nach dem Grade, welchen sie erreicht, 
wird auch diese fast immer steigen. Mit der knechtischen 
Unterwerfung unter fremde oder einheimische Despoten 
ist auch die Kunst unvereinbar. Schon im Beginn der 
Gegenwehr regt sie sich oft, nach vollbrachtem Kampfe 
feiert sie ihre schönsten Triumphe. 
Bei den Russen stand der knechtische Sinn, mit Wel- 
chcm sie sich ihren Fürsten und Grossen, so wie der 
Kirche unterwarfen, jeder freiern und höhern Kunstleistung 
entgegenii). Wie tief dieser Knechtsimz eingewurzelt, 
zeigt sich am Stärksten darin, dass selbst der Sieg über 
die Mongolen keine geistige Erhebung des Volks hervor- 
brachte. Man hat es bemerkt, dass auch nicht eine ein- 
zige Ketzerei in Russland aufgekommen sei,_aueh in der 
Kirche also keine Spur freier Bewegung sich gezeigt habe. 
Hier blieb denn auch die Nachahmung todt und wurde nur 
durch unverstandene Entlehnung und kindisch buntes Spiel 
entstellt. Bei den Armeniern war freilich ein regeres Frei- 
4) Man könnte hiegegen die Polen anführen, welche, obgleich 
in freierer Verfassung, ebensowenig künstlerische Anlage gezeigt 
haben; man könnte daraus schliessen, dass dennoch nur ein Natur- 
element, der Stammcharakter des slavischen Volkes, der Entwicke- 
lung des Kunstsinnes entgegengestanden habe. Allein jene Freiheit 
der Polen war nur ein Schein, nur der Trotz des Adels, verbunden 
mit kneehtischer Unterwürfigkeit der geringem Stände, so dass auch 
hier dasselbe gilt.
        

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