Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Altchristliche und muhamedanische Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-898144
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-901708
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Die 
russische 
Architektur. 
Aeusserlichkeiteng). Der Ernst der Gesinnung, welcher 
das ganze Leben durchdringt und das Gottesgefühl in 
jeder geistigen Aeusserung ausprägt, findet keine Form. 
Daher ist denn auch das plastische Element, die Gestal- 
tung des vollen, kräftigen Lebens hier ganz vernach- 
lässigt, in der Baukunst wie in den darstellenden Künsten, 
und beide fallen nach äusserlichen, ganz verschiedenen 
Riicksiehten auseinander. Die Baukunst bringt ihre Werke 
dem Gotte dar; einem so sinnlichen Gotte musste sie 
mit dem Glanze blendender Farben und anfgehäufter For- 
men schmeicheln im). Im Bilde dagegen zeigt sich der Gott 
demesinnlichen Menschen; er darf ihm nur schreckend 
erscheinen. Zu Nowgorod liest man an einem grossen 
Christuskopfe die Inschrift „Siehe wie dein Gott ein 
schrecklicher Gott ist," und hierin hat sich das Gefühl 
dieser Völker ganz ausgesprochen. Ihre Ehrfurcht beruht 
auf dem Schrecken, das Schauerliche gilt ihnen für got- 
teswürdig, ersetzt ihnen die Schönheit. 
 Sehr anschaulich schildert Blasius (a. a. O. I. 119.) die Er- 
scheinung eines russischen Gottesdienstes. Die Andacht ist eine kör- 
perliche Arbeit, mit Kreuzigen, I-Iinknieen, Niederwerfen bis die Stirn 
den Boden berührt; die Volksmasse, die sich in den Kirchen versam- 
melt, um das Ablesen der gedruckten Predigt, von welcher der Pope 
nicht abweichen darf, zu hören, ist in fortwährender heftiger Be- 
wegung. 
H) Blasius a. a. O. S. '78. "In der Xviederholung dieser unförm- 
wlichen Kuppeln liegt naiver Kindersinn des religiösen Standpunkles. 
wDas Haus ist für einen Gott gebaut, der seine Freude hat an der 
wQuantität und am Glanz und Prunk. Es ist ein Haus, in dem der 
wMensch nicht sein innerstes religiöses Bedürfniss befriedigen, sondern 
wmit dem er seinem Gotte ein buntes, spielendes Vergnügen machen 
aHVill." Selbst die Eingebornen scheinen jetzt ihre Architektur in 
diesem Sinne zu würdigen. In einer in Petersburg (1836) erschie- 
nen Schrift wüber die Elemente des Schönen in der Baukunstß vin- 
dicirt der ungenannte Verf. ihr nur die Anwendbarkeit für kleinere 
Kapellen. Münchner Jahrb. a. a. O. S. 51.
        

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