Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste bei den Alten: Griechen und Römer
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-879683
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-883627
354- 
Griechis ehe 
Kunst. 
wie Oedip und Orest muss es die Orakelsprüche erfüllen, 
den Göttern gchorchend die heiligen Gesetze der Welt 
verletzen, und so unschuldig schuldig fallen. Die Ahnung 
dieses Geschicks War auch den edeln Griechen stets 
gegenwärtig, wie ein dunkler Schatten lag sie auf der 
Heiterkeit des Lebens. Schon jene Heroengestalten gin- 
gen daraus hervor; in den Klagegesängen des tragischen 
Chors, selbst in der bacchischeil Lust des Aristophanes 
tönt sie durch. Auch in der bildenden Kunst ist dies 
schmerzliche Gefühl dem feinem Auge sichtbar. An den 
frühern Werken erscheint es in der starren, strengen 
Ruhe der Resignation, an den spätern, selbst bei solchen 
Gestalten, in denen nur Genuss und Kraft zu leben schei- 
nen, weht es uns aus den stillen, schönen Zügen wie 
ein Hauch der Klage an, wie leise Wehmuth oder ge- 
bändigte Leidenschaft. Wohl stehen diese Götter in 
seliger Ruhe da, mit dem Gefühle voller lfefriedigung 
und Bedürfnisslosigkeit; aber wir fühlen einen Anklang 
der Sehnsucht, der auch uns mitten in diesem Vollge- 
nusse des Lebens befällt, der Sehnsucht nach etwas Hö- 
herem. Und grade dieser Zug geheimer Klage gewährt 
diesen Werken eine höhere Weihe, ohne welche ihre 
anmuthigen Formen bloss den Charakter schmeiehlerischer 
Sinnlichkeit tragen würden; es lebt darin eine tiefere 
Frömmigkeit als in den Mythen jener Götterwelt, ein 
sehnsüchtiges Aufblicken aus dieser schönen, aber ver- 
gänglichen Welt zu einem höhern Dasein, eine Ahnung, 
dass ihrem reich begabten Leben noch eine höhere 
Weihe fehle. 
Sie 
konnten 
freilich 
dies Unbekannte 
noch 
nicht nen- 
nen. Wir, die Spätern, durch das Christenthum belehrt, 
können und müssen uns davon Rechenschaft geben. wäre
        

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