Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste bei den Alten: Griechen und Römer
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-879683
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-881440
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Griechische 
Malerei. 
hingiebt, wird es nothweildig von dem Erfassen der Na- 
tur im Ganzen abgezogen und die Empfindung der N atur- 
einheit kann nicht in voller Stärke entstehen. In dieser 
Beziehung hat das Naturgefühl der Hebräer einen Vorzug; 
wir können es ein höheres nennen. Die Phantasie 
schwang sich gleichsam zum Throne Jehoveüs auf und 
überblickte von dieser Höhe die ganze Weite der Schöp- 
fung. Der Grieche dagegen lebte mitten auf der Erde , 
verbrüderte sich mit ihren Geschöpfen, und konnte in 
dieser allzugrossen Nähe das Ganze x1icht überblicken. 
Für die bildende Kunst war jener erhabene Schwung 
der Phantasie bei den Juden ein Hinderniss; der Grieche 
erhielt durch seine Art der Naturauffassung die hohe 
Befähigung für dieselbe, aber nur im plastischen Sinne, 
nur für das Einzelne. 
Bei Homer, wo die griechische Naturansicht sich 
mitaller Frische und Urlbefangenheit ausspricht, können 
wir ihre Consequenzen vollständig übersehen. Mit kind- 
licher Liebesfähigkeit tritt der Dichter den Geschöpfen 
der Natur entgegen; mit kindlicher Neugierde beobachtet 
er ihre feinsten Regungen, das Leben der Thiere und 
Pflanzen, die Bewegung des Himmels. Aber er sieht 
nur das Einzelne, die einzelne Gestalt, den flüchtigen 
Moment. Bei solchem Einzelnen verweilt er, dies malt 
er mit Ruhe aus und geht dann Wieder zum Faden seiner 
Geschichte, zum Menschlichen, über. Jene eine Natur- 
erscheinung erweckt in ihm nicht den Trieb, ein Bild des 
Ganzen zu erlangen. Das Einzelne in der Natur hat aber 
nur dann Werth , wenn es als eine Aeusserung des 
grossen Lebens der Schöpfung aufgefasst wird oder wenn 
die Phantasie in ihm Aehnlichkeit mit dem Geistigen 
entdeckt und ihm ein geistiges Leben verleiht. Daher
        

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