Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste bei den Alten: Die Völker des Orients
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-834627
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-839587
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Aegyptische 
Sculptur. 
Hieraus ging ferner, wie die Vergrösserung so auch die 
Vermehrung dieser Statuen und ihre architektonische Be- 
deutung hervor. Denken wir uns die schönsten Werke 
des griechischen Meissels, ich will nicht sagen den Apoll 
von Belvedere , sondern irgend eine ruhigere Gestalt, 
etwa die Pallas von Velletri, in mehreren Exemplaren 
wiederholt, so würde kein vortheilhafter Eindruck, und 
noch viel weniger ein Ganzes entstehen; jede dieser Fi- 
guren macht den Anspruch allein, einzig in ihrer Art zu 
sein. Nehmen wir aber die ruhigen Gestalten der ägyp- 
tischen Kunst in der Mehrzahl, so hindern sie einander 
nicht, vielmehr da jede von ihnen ohnehin nur die Regel 
der menschlichen Natur in ihrer allgemeinen Bedeutung 
darstellt, so wird dieser Eindruck von Grösse und Würde 
durch die Vermehrung nur erhöht. 
Andrerseits deutet aber sowohl diese Vergrösserung 
als diese Vervielfältigung der Gestalten auf einen Mangel 
des Sinnes für menschliche Schönheit hin. Jede Darstel- 
lung über Lebensgrösse hat schon etwas Unförmliches 
und lässt die feineren Züge unentwickelt. Bei den ägyp- 
tischen Kolossen fallt aber das Abenteuerliche und Ge- 
waltsame dieser Steigerung um so mehr auf, weil ihre 
Statuen nicht etwa durch die Entfernung vom Boden dem 
Auge entrückt sind, sondern zu ebner Erde, an dem Fusse 
der Mauern stehen, über deren Gesims sie hinausragen. 
Die Vorzüge dieser Kunst hängen also mit ihren 
Mängeln zusammen. Ihre Werke imponiren uns zwar 
nicht bloss durch ihre Masse, sondern auch durch etwas 
Geistiges, nämlich durch die schöne Regelmässigkeit der 
menschlichen Gestalt, durch den Ausdruck gehaltener 
Kraft und würdevoller Ruhe , und durch den heiligen 
Ernst, der keine selbstische Regung aufkommen lässt.
        

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