Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Malerei (Nebst Register über alle drei Theile)
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1047000
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1049613
Coreggio. 
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liehen und zuvorkommenden Einwohner willen, die das schlechteste 
Strassenpflaster von Italien Wohl vergessen zu machen im Stande sind. 
Innerlich so' frei von allen kirchlichen Prämissen, wie Michelan- 
gelo, hat Coreggio in seiner Kunst nie etwas anderes als das Mittel 
gesehen, das Leben so sinnlich reizend und so sinnlich überzeugend 
als möglich darzustellen. Er war hiefiir gewaltig begabt; in Allem, 
Was zur Wirklichmaehung dient, ist er Begründer und Entdecker 
selbst im Vergleich mit Lionardc und Tizian.  
Allein in der höhern Malerei verlangen wir nicht das Wirkliche, 
sondern das Wahre. lNir kommen ihr mit einem offenen Herzen ent- 
gegen und wollen nur an das Beste in uns erinnert sein, dessen be- 
lebte Gestalt wir von ihr erwarten. Coreggio gewährt diess nicht; 
das Anschauen seiner Werke wird darob wohl zu einem unaufhörli- 
ehen Protestiren; man ist versucht sich zu sagen: „als Künstler hättest 
du dieses Alles höher zu fassen vermocht." Vollständig fehlt das sitt- 
lich Erhebendc; wenn diese Gestalten lebendig würden, was hiitte 
man an ihnen? welches ist diejenige Gattung von Lehensäusserun- 
gen, welche man ihnen vorzugsweise zutrauen würde? 
Aber das Wirkliche hat in der Kunst eine grosse Gewalt. Selbst 
Wo sie das Geringe und Zufällige, ja. das Gemeine mit allen Mitteln 
der Realität darstellt, übt dasselbe einen zwingenden Zauber, wenn 
auch von widriger Art. Handelt es sich aber um das sinnlich Rei- 
zende, so erhöht sich dieser Zauber unendlich und berührt uns d'ai- 
monisch. Wir brauchten dieses iVort bei hlichelangelols Postulat 
einer physisch erhöhten Menschenwelt; mit ganz entgegengesetzten 
Mitteln bringt Coreggio eine "Wirkung hervor, die wiederum nicht an- 
ders zu bezeichnen ist. Er zuerst stellt in seinen Scenen den Na- 
turmoment vollständig und vollkommen dar. Das Zwingende liegt 
nicht in dieser oder jener schönen und buhlerischen Form, sondern 
darin, dass für die Existenz dieser Form eine unbedingte Überzeu- 
gung in dem Bcschauer hervorgebracht wird vermöge der vollkom- 
men wirklichen (und durch versteckte Reizmittel erhöhten) Mitdar- 
Stellung von Raum und Lieht. 
Unter seinen Darstellungsmitteln ist das Hell dunkel sprichwört- 
lich berühmt. Das ganze XV. J ahrh. zeigt eine Menge einzelner Versuche 
dieser Art, allein bloss mit dem Zweck, das Einzelne möglichst vollständig
        

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