Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Malerei (Nebst Register über alle drei Theile)
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1047000
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1049255
Camera della. Segnatura. 
915 
Der Parnass, das Bild der "Seienden" und Geniessenden. Das 
Vorrecht des lauten, begeisterten Redens hat nur Homer; das der 
Töne Apoll; sonst wird bloss geflüstert. (Wer an der Violine Anstoss 
nimmt, mag nur Rafael selbst zur Verantwortung ziehen, denn eine 
erzwungene Huldigung für den Ruhm eines damaligen Geigenvirtuo- 
sen, aus welchem Einige sogar den Kammerdiener des Papstes machen, 
ist dieser Anachronismus gewiss nicht. Wahrscheinlich gewährte das 
Instrument dem Maler ein lcbendigeres, sprechenderes Motiv für seine 
Figur als eine antike Lyra hätte thun können.) Das Idealcostum ist 
hier mit grossem Recht auch auf die neuern Dichter ausgedehnt, von 
welchen nur Dante die unvermeidliche Kaputze zeigt. Der gemein- 
same Mantel und der gemeinsame Lorbeer heben die Dichter über das 
Historische und Wirkliche hinaus. Die Musen sind nicht der Ab- 
wechselung zu Gefallen unter die Dichter vertheilt, sondern als ihr 
gemeinsames Leben auf der Höhe des Berges versammelt. Auch sie 
sind nicht antiquarisch genau charakterisirt; R. malte seine Musen. 
Von den beiden Ceremonienbildern gegenüber ist das geistliche 
Recht, d. h. die Ertheilung der Decretalen, in dieser kritischen Gattung 
ein Muster der Composition und Durchführung zu nennen. Der Fi- 
gurcnreichthum ist nur mässig,  der Ausdruck der Autorität beruht 
nicht in der Vollständigkeit des Gefolges, überhaupt nicht in der 
Masse. Die Köpfe sind fast lauter Bildnisse von Zeitgenossen. Man 
darf annehmen, dass R. sie freiwillig und in künstlerischer Absicht 
anbrachtc.  Die Allegorie der Prudentia, Temperantia und For- 
titudo in der Lunette (deren Analyse bei Platner a. a. O. nach- 
zusehen) ist eine der bestgedachten; im Einzelnen ist nicht Alles ganz 
lebendig geworden. 
Von den allegorischen Frauen am Gewölbe ist die Poesie einer 
der reinsten und eigensten Gedanken Rafaels. In den übrigen hat er 
wohl dem Allegoristen, der ihm zur Seite stand, bedeutend nachgeben 
müssen oder wollen; daher vielleicht auch der Mangel an freudiger 
Unbefangcnheit. Die Eckbilder des Gewölbes, historische Momente in 
strengerm Styl, beziehen sich jedesmal auf den Inhalt der beiden 
nächsten Wände; so das herrliche Urtheil Salomonis auf die Ge- 
rechtigkeit und Weisheit zugleich, der Sündenfall auf die Gerechtigkeit 
und das Verhältniss zu Gott zugleich. Mit dem Marsyas hat man 

        

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