Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Malerei (Nebst Register über alle drei Theile)
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1047000
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1048849
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Malerei des XVI. Jahrhunderts. 
Michelangelo. 
angelws) istdie Belebung Adams. Von einer Heerschaar jener gött- 
lichen Einzelkräfte, tragenden und getragenen, umschwebt, nähert sich 
der Allmächtige der Erde und lässt aus seinem Zeigefinger den Fun- 
ken seines Lebens in den Zeigefinger des schon halb belebten ersten 
Menschen hinüberströmen. Es giebt im ganzen Bereiche der Kunst 
kein Beispiel mehr von so genialer Übertragung des Übersinnliehen 
in einen völlig klaren und sprechenden sinnlichen Moment. Auch die 
Gestalt des Adam ist das würdigste Urbild der Menschheit. 
Die ganze spätere Kunst hat sich von dieser Auffassung Gottes 
des Vaters beherrscht gefühlt, ohne sie doch erreichen zu können. 
Am tiefsten ist Rafael (in den ersten Bildern der Loggien) darauf 
eingegangen. 
Die nun folgenden Seenen aus dem Leben der ersten Menschen 
erscheinen um so gewaltiger, je einfacher sie die uranfängliche Exi- 
stenz darstellen. „Sündenfal1 und Strafe" sind mit ergreifender Gleich- 
zeitigkeit auf Einem Bilde vereinigt; die Eva im Sündenfall zeigt, 
welche unendliche Schönheit dem Meister zu Gebote stand. Als Com- 
position von wenigen Figuren steht „Noahs Trunkenheit" auf der 
Höhe alles Erreichbaren. Die „Sündf1uth" contrastirt zwar nicht glück- 
lich mit dem Massstab der übrigen Bilder, ist aber reich an den wun- 
derwiirdigsten Einzelmotiven. 
Die Propheten und Sibyllen, die grössten Gestalten dieses 
Raumes, erfordern ein längeres Studium. Sie sind keinesweges alle 
mit derjenigen hohen Unbefangenheit gedacht, welche aus einigen der- 
selben so überwältigend spricht. Die Aufgabe war: zwölf Wesen 
durch den Ausdruck höherer Inspiration über Zeit und Welt in das 
Übermenschliche emporzuheben. Die Gewaltigkcit ihrer Bildung allein 
genügte nicht; es bedurfte abwechselnder Momente der höchsten gei- 
stigen und zugleich äusserlich sichtbaren Art. Vielleicht überstieg 
dieses die Kräfte der Kunst.  Die je zwei Genien, welche jeder Ge- 
stalt beigegeben sind, stellen nicht etwa die Quelle und Anregung der 
Inspiration vor, sondern Diener und Begleiter; sie sollen durch ihre 
Gegenwart die Gestalt heben, als eine überirdische bezeichnen; durch- 
gehende sind sie in Abhängigkeit von derselben geschildert.  Von 
unvergleichlicher Herrlichkeit ist der gramverzehrte Jeremias; oder 
Joel, den beim Lesen die stärkste innere Erregung ergreift; der wie
        

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