Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Malerei (Nebst Register über alle drei Theile)
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1047000
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1048810
Michelangelo Buonan-oti. 
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WVie er die Formen bildete und was er damit im Ganzen wollte, 
ist oben bei Anlass der Sculptur angedeutet werden. Für die Ma- 
lerei kommen noch besondere Gesichtspunkte in Betracht. Michel- 
angelo lernte zwar in der Schule Ghirlandajds die Handgriffe, ist aber 
in seiner Auflassung ohne alle Präcedentien I). Es lag ihm ganz ferne, 
auf irgend eine bisherige Andacht, einen bisherigen kirchlichen Typus, 
auf die Empiindungsweise irgend eines andern Menschen einzugehen 
oder sich dadurch für gebunden zu erachten. Das grosse Capital der 
kirchlichen Kunstbräuche des Mittelalters existirt für ihn nicht. Er 
bildet den Menschen neu, mit hoher physischer Gewaltigkeit, die an 
sich schon dämonisch wirkt, und schafft aus diesen Gestalten eine 
neue irdische und olympische Welt. Sie äussern und bewegen sich 
als eine von allem Frühern verschiedene Generation. Was bei den 
Malern des XV. Jahrh. Charakteristik heisst, ündet bei ihnen schon 
desshalb keine Stelle, weil sie als ganzes Geschlecht, als Volk auf- 
treten; wo aber das Persönliche verlangt wird, ist es ein ideal ge- 
schaffenes, eine übermenschliche Macht. Auch die Schönheit des 
menschlichen Leibes und Angesichtes kommt nur im Gewande jener 
Gewaltigkeit zum Vorschein; es liegt dem Meister mehr daran, dass 
seine Gestalten der höchsten Lebensiiusserungen fähig, als dass sie 
reizend seien. 
Wenn man weit aus dem Bereiche dieser Werke entfernt ist und 
Athem geschöpft hat, so kann man sich auch gestehen, was ihnen 
fehlt, und wesshalb man nicht mit und unter denselben leben könnte. 
Ganze grosse Sphären des Daseins, welche der höchsten künstlerischen 
Verklärung fähig sind, blieben dem Michelangelo verschlossen. Alle 
die schönsten Regungen der Seele (statt sie anfzuzählen genügt eine 
Einweisung auf Rafael) hat er bei Seite gelassen; von all dem was 
uns das Leben thcuer macht, kommt in seinen Werken wenig vor. 
Zugleich giebt diejenige Formenbildung, welche für ihn die ideale 
ist, nicht sowohl eine ins Erhabene und Schöne vereinfachte Natur, 
als vielmehr eine nach gewissen Seiten hin materiell gesteigerte. 
Keine noch so hohe Beziehung, kein Ausdruck der Macht kann es 
1) Diess schliesst nicht aus, dass dem Luca Signorelli ein ähnliches Ziel, wenn 
auch nur dämmernd von-schwebte. S. 808, f. 809, h.
        

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