Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Malerei (Nebst Register über alle drei Theile)
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1047000
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1048763
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Malerei des XVI. Jahrhunderts. 
Lionardo und Schule. 
wie eine helle Brustwehr die Gestalten durchschneidet, war vom 
grössten Vortheil; das was die Zwölfe bewegt, liess sich dem Wesent- 
lichen nach schon im Oberkörper ausdrücken. In der ganzen An- 
ordnung, den Linien des Tisches und des Gemaches ist Lionardo 
absichtlich so symmetrisch als seine Vorgänger; er iiberbietet sie durch 
die höhere Arehitektonik seines Ganzen in je zwei Gruppen von je 
Dreien, zu beiden Seiten der isolirten Hauptfigur. 
Das aber ist das Göttliche an diesem Werke, dass das auf alle 
Weise Bedingte als ein völlig Unbedingtes und Nothwendiges erscheint. 
Ein ganz gewaltiger Geist hat hier alle seine Schätze vor uns aufge- 
than und jegliche Stufe des Ausdruckes und der leiblichen Bildung 
in wunderbar abgewogenen Grundsätzen zu Einer Harmonie vereinigt. 
Den geistigen Inhalt hat Göthe abschliessend auseinandergesetzt. Welch 
ein Geschlecht von Menschen ist diese! vom Erhabensten bis ins Be- 
fangene, Vorbilder aller Männlichkeit, erstgeborne Söhne der vollen- 
deten Kunst. Und wiederum von der bloss malerischen Seite ist Alles 
neu und gewaltig, Gewandmotive, Verkürzungen, Contraste. Ja sieht 
man bloss auf die Hände , so ist es als hätte alle Malerei vorher im 
Traum gelegen und wäre nun erst erwacht. 
Von den mailändisehen Schülern hat Bernardino Lnini (st. 
nach 1529) bei seinen frühsten Arbeiten den Lionardo noch nicht ge- 
kannt, bei denjenigen seiner mittlern Zeit ihn am treusten reproducirt, 
bei den spätern aber auf der so gewonnenen Grundlage selbständig 
weiter gedichtet, wobei es sich zeigt, dass er mit unzerstörbarer Naiv etät 
sich nur das von dem Meister angeeignet hatte, was ihm gemiiss war. 
Sein Sinn für schöne, seelenvolle Köpfe, für die Jugendseligkeit fand bei 
dem {Meister sein Genüge und die edelste Entwicklung, und noch 
seine letzten Werke geben hieven das herrlichste Zeugniss. Dagegen 
ist von der grossartig strengen Composition des Meisters gar nichts 
auf ihn übergegangen; man sollte glauben er hätte das Abendmahl 
nie gesehen (obschon er es einmal nachgeahmt hat), so linienwidrig 
und ungeordnet sind seine meisten bewegten Scenen. Auch drapirt er 
oft ganz leichtfertig und gleichgültig. Dafür besass er stellenweise,
        

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