Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sculptur
Person:
Burckhardt, Jacob
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1067806
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1070944
Allegorien der Grabmäler und Altäre. 
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und vollends thatlos. Der Künstler darf sie zwar als Individuen dar- 
stellen, welche dasjenige empfinden was sie vorstellen, allein er muss 
diese Empfindung nur wie einen Klang durch die ruhige Gestalt hin- 
durchtönen lassen. Statt dessen zieht die Barocksculptur sie unbe- 
denklich in das momentane Thun und in einen Aifect hinein, der sich 
durch die heftigsten Bewegungen und. Geberden zu äussern pflegt. 
Nun ist es schon an und für sich nichts Schönes um Idealfiguren 
dieses Styles, wenn sie aber auffahren, springen, einander an den 
Kleidern zerren, auf einander losschlagen, so wirkt diess unfehlbar 
lächerlich. Alles Handeln und zumal alles gemeinschaftliche Handeln 
ist den allegorischen Gestalten untersagt; die Kunst muss sich zu- 
frieden geben, wenn sie ihnen nur ein wahres Sein verleihen kann. 
Gleichzeitig mit Bernini dichtete Calderon seine Autos sagramen- 
tales, wo fast lauter allegorische Personen handeln und welche doch 
den Leser (um nicht zu viel zu sagen) ergreifen. Aber der Leser 
steht dabei unter der Rückwirkung desjenigen starken spanischen 
Glaubens und derjenigen alten Gewöhnung an die Allegorie, welche 
schon dem grossen Dichter entgegenkam und ihm die zweifellose 
Sicherheit gab, deren er in dieser Gattung bedurfte und die uns für 
den Augenblick völlig mitreisst, während wir bei den Berninesken das 
ästhetische Belieben, die Wählerei recht wohl ahnen. Sodann sind 
es Dramen, d. h. Reihen fortschreitender Handlungen, nicht einzelne 
in den Marmor gebannte Momente. Endlich steht es der Phantasie 
des Lesers frei, die allegorischen Personen des Dichters mit der edel- 
sten Form zu bekleiden, während die Sculptur dem Beschauer auf- 
dringt was sie vorräthig hat.  Übrigens empündet man bei Rubens 
bisweilen eine ähnliche, zum Glauben zwingende Gewalt der Allegorie 
wie bei Calderon. 
Welcher Art die Handlungen der allegorischen Gruppen bisweilen 
sind, ist am glorreichsten zu belegen mit den Gruppen von Legrosa 
und Teudon links und rechts von dem Ignatiixsaltar im Gesu zu Rom: 
die Religion stürzt die Ketzerei, und der Glaube stürzt die Abgötterei; 
die besiegte Partei ist jedesmal durch zwei Personen repräsentirt". 
Was an dieser Stelle erlaubt war, galt dann Weit und breit als clas- 
sisch und fand Nachahmer in Menge. Einem besonders komischen 
Übelstand unterliegen dabei die weiblichen Allegorien des
        

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